Brauchen wir große Knöchel an den Fäusten? 拳ダコは必要か?

 

Kendako 3Die großen Knöchel, die ein Karateka an seinen Händen entwickelt, heißen auf japanisch „ken-dako, 拳ダコ“. Meistens entwickeln sie sich am Zeige- und Mittelfinger. Typischerweise geben junge Karateka voller Stolz mit ihren wulstigen und verfärbten Knöcheln an, als Beweis für ihr „hartes“ Training. Es ähnelt fast schon wie einer Kriegsmedaille, oder einem qualifizierenden Abzeichen. Wir wissen alle, wie diese großen Knöchel entstanden sind: Sie wurden groß, indem man tausende Male auf ein Karate-Trainingsgerät, das man „Makiwara“ nennt, einschlug. Die Frage, mit der ich mich heute beschäftige ist die, ob diese großen Knöchel wirklich notwendig für einen Karateka sind, damit er als Experte angesehen werden kann. Die Gedanken, die ich mit Ihnen teile, sind voll und ganz meine persönliche Meinung. Ich behaupte nicht, dass das, was ich vorschlage, richtig ist, aber zu dem Thema habe ich eine feste Überzeugung.

Das Makiwara ist zu einem kultigen Trainingsgegenstand im Karate geworden. Er erscheint so, als müsste jedes Dojo ein Makiwara besitzen, um dessen Legitimität zu beweisen. Die meisten Sensei der Dojos, die ich besuchte, zeigten mir fast immer und voller Enthusiasmus ihre Makiwaras. Das Makiwara gibt es in verschiedenen Höhen, Dicken und vielen unterschiedlichen Arten. Ich hatte bereits ein Kapitel zum Training am Makiwara in meinem Buch „Shotokan Myths“ geschrieben. Wenn Sie an diesem Thema interessiert sind, dann schauen Sie sich bitte Kapitel 4 in meinem Buch an (dieses gibt es bei Amazon und für das Kindle zu erwerben). Tatsächlich muss ich sagen, dass das Makiwaratraining eins der beliebtesten Themen bei Diskussionen unter den Karateka ist. Ich bin einer der Haupt-Mitwirkenden bei Karate Coaching (www.karatecoaching.com), dem umfangreichsten Online-Karateunterricht Dienstanbieter auf der ganzen Welt. Der Editor dieser Seite sagte mir, dass mein Video mit dem Training am Makiwara die meiste Aufmerksamkeit erhielt.

 

Makiwara FunakoshiIm Fazit von Kapitel 4 in Shotokan Myths schrieb ich, dass die älteren Yudansha vom Makiwaratraining „graduieren“ sollten, um zur nächsten Stufe ihres Trainings fortschreiten zu können. Ich wollte schon schreiben, dass ältere Karateka ganz vom Makiwara absehen sollten, entschied mich aber es nicht zu tun. Ich fürchtete, dass die wahre Botschaft einer solchen Aussage missverstanden wird. Es stimmt, dass viele ältere Instruktoren, darunter auch weltbekannte, auf das Makiwara schwören. Zu diesen Instruktoren zählen z.B. Gichin Funakoshi, Begründer vom Shotokan, Mas Oyama, Begründer des Kyokushinkai, Tetsuhiko Asai, Begründer vom Asai-Ryu und Morio Higaonna, 10. Dan im Goju Ryu. Es ist auch bekannt, dass die Meister Oyama und Higaonna beide riesige Knöchel haben. Ich bin nicht komplett gegen das Makiwaratraining. Diese Meister sind Profis und Karate-Experte, also passen diese Knöchel sehr gut zu ihnen und da ist auch nichts Falsches dran.hitting stone

Auch nach diesen Worten würde ich auf die Frage, ob wir große Knöchel brauchen, immer noch mit „nein“ antworten. Sicherlich werden sich viele Leser fragen, warum ich das sage. Möglicherweise werden viele von euch behaupten, dass die großen Knöchel bei einem Übenden die Effektivität (Durchschlagskraft) seiner Fäuste steigern. Ein Karateka sagte mal zu mir: „Sensei, eine Faust mit großen Knöcheln ist so, als hätte man eine 44er Magnum Pistole. Wenn Sie untrainierte Fäuste haben, können Sie keine zehn Ziegelsteine (bzw. Dachziegeln) zerbrechen. Eine Faust mit kleinen Knöcheln wäre wie eine 22er Pistole.“ Und obwohl ich mir nicht sicher bin, ob die Analogie so korrekt ist, würde ich im Großen und Ganzen dem, was er mir damit sagen wollte, zustimmen. Selbst dann würde ich immer noch sagen, dass man keine großen Knöchel braucht, um als fortgeschrittener Karateka qualifiziert zu sein. In einer Gefahrensituation braucht man nicht mehr als eine 22er Pistole, um den Angreifer zu töten.

Lassen Sie mich erklären, warum ich all dies behaupte:

  • Der größte Mythos, der mit großen Knöcheln in Verbindung gesetzt wird, ist folgender: Die Fäuste werden so lange abgehärtet, bis sie in der Lage sind jeden Gegner auszuschalten. Jedoch muss ich sagen, dass eine große Faust nicht notwendigerweise in einem angsteinflößenden und zerstörerischen Schlag resultiert. In dem Fall mit einer Magnum Pistole ist eine gewaltige Feuerkraft garantiert, ganz egal wer mit dieser schießt, Sie dürfen jedoch nicht vergessen, dass ein Schuss aus der Pistole und ein Schlag ganz unterschiedliche Dinge sind. Um einen kraftvollen und effektiven Schlag auszuführen, muss man zuerst lernen wie man richtig schlägt. Eine große und abgehärtete Faust kann ein gutes Werkzeug sein, oder zumindest zur Abschreckung nützen, jedoch sollte sie zumindest mit einer guten Technik gestützt werden, um den Schlag überhaupt effektiv zu machen. Wenn Ihr Schlag langsam, oder schlecht ausgeführt ist, dann spielt die Größe, oder Härte Ihrer Faust auch keine Rolle. Wenn Sie etwas zur Selbstverteidigung brauchen, dann ist es vielleicht sinnvoller für Sie einen Baseballschläger, oder Stock bei sich zu tragen. Wenn Sie ein professioneller Karateka sind, der in der Lage ist vier Stunden am Tag zu trainieren, dann dürfte es für Sie sicherlich kein Problem sein für 15 Minuten, oder länger ein Makiwara zu schlagen. Jedoch gehe ich davon aus, dass die meisten Leser nur zwei bis drei mal die Woche und nur jeweils 90 Minuten, oder weniger trainieren können. In so einem Fall würde ich ungern sehen, wie der Übende seine Zeit mit dem Schlagen eines Makiwara verschwendet. Glauben Sie nicht auch, dass es viel besser für Ihr Karate wäre, diese Zeit in Kihon, oder Kata zu investieren?
  • Zweitens glaube ich nicht, dass das Angeben mit den deformierten Knöcheln, mit einem der wichtigen Werte im Karate einhergeht: Der Bescheidenheit. Das ist genauso, wie die Tatsache, dass man in der Öffentlichkeit nicht mit seinem Schwarzgurt angibt. Als ich auf einer Geschäftsbesprechung in Japan war, habe ich meine Hände versteckt, oder so positioniert, dass man die verfärbten Knöchel nicht sehen konnte. Es lag nicht daran, dass die Fäuste mir peinlich waren, oder ich mich für mein Karatetraining schämte. In Japan würde jeder sofort wissen, was der Zustand meiner Fäuste bedeutete und ich wollte niemanden einschüchtern. Man könnte meinen, dass ich übertreibe, aber es wäre das selbe gewesen, als hätte ich ein Messer auf den Verhandlungstisch gelegt. Ich denke nicht, dass die Ansicht der großen Fäuste einem nicht-Karateka viel Vergnügen bereiten würde.
  • Der dritte Grund ist der wichtigste: Während wir auf unserer Erfahrungsstufe im Karate vorrücken, sollten wir offensichtliche und grobe Schläge hinter uns lassen und uns den fortgeschrittenen Techniken zuwenden. Diese sind weniger sichtbar, eher stechender und tippender Natur und auf auf die Kyusho, die entscheidenden Körperregionen, gezielt. Solche Kyusho, wie die Augen, Hals, Ohren und die Leistengegend, sind normalerweise weich und harte Fäuste sind da nicht notwendig, um einen effektiven Angriff durchzuführen. Bei diesen Zielen ist eine Faust, eine Messerhand, die Fingerspitzen und das Handgelenk alle effektiv, selbst wenn sie nicht abgehärtet sind. Außerdem werden Sie es nicht mehr nötig haben Ihre Faust in den Gegner zu rammen, um ihn auszuschalten, wenn Sie die ein-Zoll-Schlagtechnik beherrschen. Natürlich ist das eine ultimative Technik, jedoch keine Zauberei – jeder kann sie erlernen.
  • Ein weiterer Grund, warum ich davon abrate große Knöchel zu entwickeln, sind die möglichen gesundheitlichen Folgen. Ich befürchte, dass die deformierten Knöcheln zu Arthritis führen könnten, wenn der Übende älter wird. Ich habe jedoch weder medizinische Erfahrung, noch wissenschaftliche Befunde dazu, deshalb würde ich mich über die Beiträge der Leser zu diesem Thema freuen.
  • Zu guter Letzt bin ich so etwas wie ein Romantiker. Um ehrlich zu sein, mag ich es überhaupt wenn diese deformierten Hände aussehen wie bei einem Zombie (siehe das Foto unten). Das ist überhaupt nicht schön und ich finde es abscheulich. Zuvor habe ich erklärt, das abgehärtete Fäuste nicht notwendig seien, um einen effektiven Schlag ausführen zu können. Warum würde also jemand so etwas mit seinen Händen machen wollen?

 

Kendako 2

Karate ist eine Kunstart der Gentlemen und das ist genau das, was Funakoshi wollte. Aus den oben aufgeführten Gründen bin ich fest davon überzeugt, dass die hässlichen Fäuste nicht in die Kunst des Karate-Do passen.

Das sind meine persönlichen Gefühle und Überzeugungen im Bezug auf das Kendako. Sie sind herzlich dazu eingeladen Ihre eigene Meinung dazu zu äußern.

 

 

 

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