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Was bedeutet „Chinkuchi“? チンクチとは何ぞや?

Zuvor habe ich mich darum bemüht die zwei okinawanischen Karate-Begriffe Muchimi und Gamaku zu erklären. In diesen Artikeln wurden sowohl die wörtliche Bedeutung, als auch der Mechanismus der Techniken behandelt. Wir stellten fest, BB Magdass diese Techniken sich im Shotokan wiederfinden lassen, auch wenn man nicht diese Begriffe dafür verwendet. Heute geht es um den letzten der drei Begriffe: Chinkuchi. Gemeinsam werden wir auch hier herausfinden, was es mit dieser geheimnisvollen Technik auf sich hat und ob sie Shotokan völlig fremd ist.

(aus einer „Black Belt Magazine“ Ausgabe vom Dezember 1987)

Ich hatte bereits erwähnt, dass das Wort „Chinkuchi“ ebenfalls aus dem Okinawanischen kommt. Es klingt sogar für einen Japaner ungewöhnlich, sofern dieser nicht aus Okinawa kommt. Es wird mit den Kanji 一寸力, oder 寸力 geschrieben, was uns einen Hinweis auf dessen eigentliche Bedeutung geben könnte. Das Kanji steht für die Längeneinheit eines Zolls, oder auch einfach nur eine kurze Distanz. Die Verbindung von und kann also wörtlich „ein Zoll“ bedeuten. Wenn es als chotto (ちょっと) ausgesprochen wird, bedeutet es „kurze Distanz“, oder „kurze Dauer“. Und weil für „Kraft“ steht, wäre die wörtliche Übersetzung der Kombination aus diesen drei Zeichen „Ein-Zoll Kraft“, oder „Kraft durch kurze Bewegungen“. Das klingt doch schon interessant, nicht wahr?

Nachdem wir nun die Wortbedeutung herausgefunden haben, sollten wir uns die Ausführung der Technik anschauen. Laut Goju-ryu und Shorin-ryu wird Chinkuchi als „go-tai-jutsu“ (剛体術) beschrieben, eine Technik, die mit gezielter Muskelspannung arbeitet. Es wird korrekt ausgeführt, wenn man die Muskeln und Bänder um bestimmte Gelenkstrukturen, nämlich die Ellbogen, Schultern und Hüften, anspannt. Diese Trainingsmethode wird bei den okinawanischen Stilen als extrem wichtig erachtet. Deshalb wird Chinkuchi in fast allen diesen Stilen, insbesondere innerhalb der Naha-Te-Gruppe (inkl. Uechi-ryu und Goju-ryu) besonders betont. Wenn ein Karateka aus einem der Naha-Te Stile die Kata Sanchin trainiert, legt er oft einen hohen Wert darauf Chinkuchi in fast allen Techniken dieser Kata anzuwenden.

Ich zitiere, wie Morio Higaonna, ein berühmter Goju-ryu Meister, diese Technik beschrieb:

東恩納盛男

Chinkuchi steht für die Spannung, bzw. Stabilität der Gelenke, die für einen festen Stand, einen kraftvollen Schlag, oder eine sichere Abwehr benötigt wird. Wenn man schlägt, oder abwehrt, werden die Gelenke blitzartig und für einen kurzen Moment blockiert und die Konzentration nur auf die Kontaktstelle gerichtet. Der Stand wird dabei stabilisiert, indem man auch die Gelenke im Unterkörper (Sprunggelenke, Knie und Hüften) blockiert und den Boden mit den Füßen greift. Dementsprechend wird eine schnelle, fließende Bewegung bei einem Schlag, oder einer Abwehr, plötzlich für einen sehr kurzen Augenblick gestoppt, damit die Kraft weitergegeben werden kann. Die Spannung muss im nächsten Moment sofort wieder gelöst werden.“

Spätestens jetzt dürfte der Leser sich denken: „Hey, das ist doch wie unser Kime.“
Aber ist Chinkuchi das Selbe wie Kime, oder doch anders? Das ist eine wirklich interessante Frage und vielleicht finden wir die Antwort darauf, wenn wir noch tiefer in das Thema hinein tauchen.

shoulder blade openedEin weiterer wichtiger Punkt im Bezug auf Chinkuchi ist, dass es oft zusammen mit den Muchimi- und Gamaku-Techniken angewendet wird. Mit Muchimi wirkt Chinkuchi wie eine Art Beschleuniger, auch wenn man sich dabei eigentlich verspannt und die Bewegungen unterbricht. Um es ein Bisschen verständlicher zu machen, stellen Sie sich vor, dass shoulder blade scqueezedSie eine Peitsche halten. Diese Peitsche funktioniert nach dem selben Prinzip wie Muchimi. Um richtig zu peitschen, müssen Sie Ihre Hand sehr schnell von Hinten nach Vorne schwingen. Dann ist es sehr wichtig, dass Sie die Bewegung sehr schnell wieder stoppen, z.B. indem Sie das Handgelenk zurück schnappen. Dieser Prozess ist Chinkuchi, bei einem Schlag führen Sie es mit der Schulter aus, indem Sie gezielt das Schulterblatt einsetzen.

Zusammen mit Gamaku wird Chinkuchi in der unteren Bauchgegend eingesetzt, um einen festen und stabilen Stand zu sichern, sowie eine Vorspannung in der Hüftregion zu erzeugen.

Zuvor habe ich bereits erwähnt, dass man beim Go-Tai-Jutsu bestimmte Muskeln an den Ellbogen, Schultern und Hüften anspannt, um den Körper zu stabilisieren. Es scheint nun zwei hauptsächliche Gründe für den Einsatz von Chinkuchi zu geben. Einer davon ist das Empfangen eines gegnerischen Angriffs mit dem angespannten Körper. Bei dem Anderen verleiht man den eigenen Techniken mehr Kraft. Der Erste Grund ist für uns am leichtesten nachzuvollziehen, weil es etwas ist, was wir alle auf natürliche Weise tun. Der Körper spannt sich reflexartig an, wenn er getroffen wird. Das passiert sogar in alltäglichen Situationen, z.B. wenn Sie auf einer verkehrsreichen Straße von jemandem angerempelt werden. Sicherlich wissen Sie was ich meine. Der zweite Grund für den Chinkuchi-Einsatz könnte für Sie viel herausfordernder sein und benötigt deshalb eine genauere Erklärung. Wenn Sie beide Techniken meistern, werden sie vermutlich eine perfekte Strategie, sowohl für die Defensive, als auch die Offensive haben.

Um die volle Kraft aus Chinkuchi zu gewinnen, sollte man, wie bereits erklärt, den ganzen Körper anspannen, sodass er zu einem harten Objekt wird (Go-Tai-Jutsu). Wenn man das tut, kann man das gesamte Körpergewicht auf einen Punkt befördern, das wäre z.B. die Trefferfläche der Faust, was in einer zerstörerischen Kraft resultiert. Da das der Beschreibung vom Kime im Shotokan so sehr ähnelt, werden die Shotokan Karateka bis hierhin kein Problem mit der Erklärung haben.

Doch wir sollten noch tiefer in den Chinkuchi-Einsatz eintauchen. Oft wird beim Chinkuchi einerseits der Einsatz der Schultern, aber auch der tiefer liegenden Rumpfmuskulatur in der Hüftregion, betont. Für die Shotokan-ÜbendChinkuchien ist auch das leicht verständlich, weil wir die Bedeutung des Seika Tanden fürs Kime kennen. Ist ein Übender erstmal ein Experte in dem umfangreichen Chinkuchi-Einsatz geworden, kann er viel Kraft selbst mit minimaler Bewegung erzeugen. Das erklärt warum Chinkuchi als „Kraft durch kurze Bewegungen“ übersetzt werden kann. Wenn Sie das Konzept von Chinkuchi verstehen, wird Ihnen auch klar warum der Hüfteinsatz im Shotokan so häufig betont wird.

Nun wissen wir, dass es zwei Gelenkstrukturen gibt, an den der Übende die Chinkuchi-Technik entwickeln und trainieren sollte: Die Schulter (Achselhöhle, Schulterblatt etc.) und die Hüfte. Die Idee dahinter sollte uns allen einleuchtend sein, denn es ist offensichtlich, dass diese zwei Bereiche fest sein müssen. Nur so kann der Körper stabil genug sein, um eine solide Grundlage für Angriffe und Abwehrtechniken zu bilden. Wenn wir uns den Chinkuchi-Einsatz und dessen Training bei Goju-ryu und Uechi-ryu Übenden anschauen, werden wir sofort erkennen, dass es einen defensiven Zweck hat.

Hier ist ein Video der Sanchin Kata:

https://www.youtube.com/watch?v=R5UIVObcmus

Sanchin and hitting  3

sanchin-shime-and-hard-impact-2

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In dem Video sehen Sie, wie der Lehrer den Körper des Übenden an verschiedenen Stellen schlägt, wobei er öfter auf die Bereiche um die Schultern und Hüften zielt. Durch diese Übung lernt der Karateka die Schultern unten zu halten und gleichzeitig die Innenmuskulatur am Bauch, sowie den oberen Teil der Oberschenkelmuskulatur anzuspannen, um einen stabilen Stand zu schaffen. Ich nehme an, dass das Ziel dahinter für Sie nachvollziehbar ist. Wenn man all die Muskeln anspannt wird man fest wie eine Statue sein und folglich harte Schläge und Tritte erdulden können, ohne dabei große Schmerzen zu verspüren. Im Uechi-ryu trainieren die Übenden das Ganze mit offenen Händen (siehe Foto oben), damit die Bewegungen nicht so steif wie bei den Goju-ryu Übenden, die die Fäuste geballt haben, aussehen (siehe Foto unten).

Der spezielle Einsatz des Go-Tai-Jutsu als Abwehrstrategie könnte für den Shotokan Karateka fremd erscheinen. Dazu muss ich sagen, dass dieses Konzept von Funakoshi Gichin aus mehreren Gründen abgelehnt wurde. Einerseits glaubte er nicht daran, dass man davon ausgehen sollte vom Gegner getroffen zu werden, stattdessen aber seine Hände und Füße als Schwerter ansehen müsste. Außerdem verwarf er die Sanchin-Kata und ihr Training, weil sie üblicherweise oberkörperfrei ausgeführt wird. Okinawa ist ein subtropischer Ort und man sieht heute noch häufig, dass viele Männer fast ausschließlich ohne Hemd, oder Shirt leben. Im restlichen, nördlicheren Japan, insbesondere in Tokio, in das er zog, wird so eine Lebensweise jedoch als unhöflich und unkultiviert angesehen.

Ich möchte Ihnen an dieser Stelle eine witzige Anekdote erzählen. Zuvor möchte ich aber betonen, dass ich das keineswegs tue, um mich über Goju-ryu lustig zu machen, sondern nur um Ihnen den Eindruck, den wir als Anfänger damals hatten, zu vermitteln. Diese Geschichte ereignete sich vor über 50 Jahren, als ich erst 15 Jahre alt war. Damals begann ich mit Karate und trat zwei verschiedenen Dojos bei: Shotokan und Goju-ryu. Ich tat das, um jeden Tag trainieren zu können, ohne zu wissen, welch schwerwiegende Folgen es nach sich ziehen könnte, aber darum geht es hier nicht. Das komische ist, dass ich mich bis heute klar daran erinnern kann, wie wir Anfänger im Goju-ryu Dojo über den Namen unseres Stils scherzten. Unser Training war hauptsächlich auf die Spannung, Go-Tai-Jutsu und go_juKrafterzeugung ausgerichtet, weniger auf Beweglichkeit. Die Goju-ryu Techniken machten auf uns den klaren Eindruck von Härte, also hatten wir kein Problem mit dem ersten Kanji „go“ (hart). Was uns amüsierte, war das zweite Kanji „ju“ (weich). Wir sahen nichts von diesem „ju“ in unserem Training, also dachten wir uns alle, dass es besser wäre ein anderes Zeichen dafür zu verwenden. Wir entschieden uns für, was „zehn“, oder „absolut“ bedeutet, womit wir die Bedeutung von Goju-ryu in „absolut hart“ verwandelten. Wir wählten außerdem noch ein anderes Zeichen, , welches „schwer“ bedeutet, womit Goju als „hart und schwer“ übersetzt werden würde. Ich weiß nicht, ob der Witz hier gut herüber kommt, aber wir fanden das damals sehr amüsant.

Zurück zu der Funktionsweise des Chinkuchi. Wenn Sie schlagen, sollten Sie die Trapez- und Deltamuskeln anspannen. Der Grund dafür ist die Erhöhung der für den Schlag wichtigen Anfangsgeschwindigkeit. Stellen Sie sich einfach die Explosion zu Beginn eines Pistolenschusses vor. Falls Sie sich fragen wie die Muskelanspannung zur Beschleunigung führen soll, erkläre ich es ganz einfach: Es ist möglich eine explosive Bewegung auszuführen, wenn sie nur den Trapez- und Deltamuskel anspannen, aber alle anderen Muskeln um die Schulter herum locker lassen. Es dürfte anhand dieser Beschreibung einfach klingen, aber Sie werden mir sicherlich zustimmen, dass die tatsächliche Ausführung alles Andere als einfach ist. Diese Technik soll extrem wichtig für Kämpfe auf kurzer Distanz sein, da sie Ihnen ermöglicht, trotz des kleinen Raumes, einen starken Schlag auszuführen.Oyama punch

Sie haben bestimmt schon mal das Gefühl für eine unangenehme Schlagdistanz gehabt, wenn Ihr Gegner sehr nah an Ihnen stand. Jede Distanz, in der Sie den Arm nicht komplett ausstrecken können, fühlt sich dann recht unangenehm an. Sie sind dann gezwungen den Schlag abzustoppen, sonst würden Sie „ein Loch“ in den Gegner schlagen. Zwar haben wir den Ura Zuki (Aufwärtshaken) für solche Distanzen, aber wir nutzen ihn nicht so oft, also tendiert die Faust dazu sich zu drehen. Was passiert dann? Die Schulter wird angehoben, möglicherweise zusammen mit dem Ellbogen. Der Arm sieht dann aus, als würden Sie einen Mawashi Uchi (Haken) ausführen, doch es bleibt bei der äußeren Erscheinung. Weil Sie auch diesen Schlag „frühzeitig“ stoppen müssen, um Ihren Gegner nicht zu verletzen, wir keine Kraft dahinter stecken.
Schauen Sie sich das Foto des jungen Masutatsu Oyama an, auf dem er auf ein Makiwara einschlägt.

Ich fand es besonders interessant, weil sein Schlag so aussieht wie ich es oben beschrieb. Achten Sie besonders auf seinen Ellbogen, der beim Aufprall nicht komplett durchgestreckt ist. Oyama praktizierte das Goju-ryu Karate, also nehme ich an, dass er hier die Chinkuchi-Technik anwendete, um genug Kraft zu erzeugen. Wenn Sie sich den Choku Zuki eines Karateka aus dem Goju-ryu, oder Uechi-ryu Oizukianschauen, werden sie am Ende der Technik eine ähnliche Armhaltung sehen. Mit anderen Worten: Obwohl es als gerader Schlag gilt, wird der Ellbogen nicht komplett durchgestreckt (siehe Foto). Vielleicht können die Übenden des Goju-ryu meine Vermutung bezüglich des Zusammenhangs zwischen diesem Choku Zuki und Chinkuchi bestätigen, bzw. mich korrigieren, falls ich falsch liegen soll.

Schauen wir uns nun genauer an wo die Chinkuchi-Technik ausgeführt wird. Üblicherweise beschreibt man Chinkuchi als eine Technik, die das Schulterblatt involviert. Eine im Naha-te häufig angewendete Übungsmethode zur Verbesserung der Dehnbarkeit und Kraft der Schulterblattmuskulatur, ist das Zusammenbewegen der Schulterblätter (medial) und dann wieder auseinander (lateral). Eine hohe Beweglichkeit und damit schnelle Kraftentwicklung im Schulterblatt wird benötigt, um die Anfangsbeschleunigung einer Technik zu ermöglichen. Es hat eine ähnliche Funktion wie das Schießpulver bei einem Pistolenschuss.

Viele Menschen verehren nach wie vor Bruce Lee (1940 – 1973) und selbst nach über 40 Jahren nach seinem Tod gibt es immer noch einige Fanatiker, die bereit sind alles über ihn zu glauben. Und obwohl ein echter Kampfkünstler mit mir einverstanden sein könnte, werde ich für einige der kommenden Aussagen Lee Long Beachbestimmt Hassmails erhalten. Ich rechne ihm die Popularisierung der östlichen Kampfkünste hoch an und er war ein guter Schauspieler. Nachdem ich mir aber seine Aufnahmen anschaute, die nicht in den Filmen verwendet wurden (denn diese können leicht manipuliert werden), bin ich der Meinung, dass er kein Meister des „Kung-Fu“ war. Er demonstrierte seine Techniken auf einigen Sonderveranstaltungen, von den die wohl Bekannteste 1967 auf Long Beach in Kalifornien statt fand.

Dort beeindruckte es das Publikum besonders mit seinem „Ein-Zoll-Schlag“. Doch ganz gleich wie oft ich mir das Video anschaue, sehe ich anstatt eines echten Ein-Zoll-Schlages, einen „fünf-Zoll-Stoß“. Auf dem Foto (oben) können Sie sehen, dass sein Oberkörper nach vorne gelehnt ist, seine Hüften sich dahinter befinden und sein linker Fuß keinen guten Kontakt zum Boden hat. Man erkennt außerdem, dass der Schlag aus der rechten Schulter erfolgt. Bei einem echten Ein-Zoll-Schlag nutzt man aber die Kraft aus den Hüften, sodass man sich nicht nach vorne neigen dürfte (oder bräuchte), so wie er es tat. Hinzu kommt, dass er sich seitlich drehte, um stoßen zu können. Ein wahrer Ein-Zoll-Schlag wäre aber leichter auszuführen, wenn man dem Ziel direkt gegenüber steht. Er gestaltete seine Show besonders eindrucksvoll, indem er hinter seinem Partner ganz strategisch einen Stuhl positionierte, auf den der arme Kerl dann ganz dramatisch zurück fallen musste. Ohne Stuhl würde er nur einige Schritte rückwärts machen, was weniger eindrucksvoll gewirkt hätte. Man darf außerdem nicht vergessen, dass das Publikum nie zuvor irgendeine dieser Techniken, weder einen Ein-Zoll-Schlag, noch einen „Fünf-Zoll-Stoß“, gesehen hatte, also war dieses ohnehin leicht zu beeindrucken. Ich hatte mal einen Schlag demonstriert, der einem Ein-Zoll-Schlag näher kam. Auch wenn dieser nicht perfekt sein dürfte, können Sie sich ihn in einem der Videos auf www.karatecoaching.com anschauen und die beiden Techniken miteinander vergleichen.

Wofür ich Bruce Lee noch Tribut zolle, ist seine außerordentliche körperliche Verfassung. Er mag zwar für sein großes Ego bekannt gewesen sein und als Schauspieler stellte er seinen Körper offensichtlich zur Schau, um auf dem Bruce LeeBildschirm beeindruckend zu wirken, doch folglich hat seine Fitness mit Sicherheit auch seine Kampfkunst unterstützt. Er arbeitete nicht nur an der Entwicklung der Muskeln allgemein, sondern auch an der Beweglichkeit seiner Schulterblattmuskulatur (siehe Foto: Szene aus dem Film „Way of the Dragon“).

Ein anderer Teil des Körpers, der eine wichtige Rolle in der Ausführung der Chinkuchi-Technik spielt, ist das Seika Tanden (untere Bauchmuskulatur). Es schließt die tiefe Bauchmuskulatur („Kernmuskulatur“), inklusive des quadratischen Lendenmuskels (Musculus quadratus lumborum, siehe Abbildung) ein.2Intestinal lumbar muscle 

In den Artikeln über Muchimi und Gamaku habe ich bereits über die Wichtigkeit dieser Muskelgruppen geschrieben. Aber welche Rolle spielt es beim Chinkuchi? Während die Schulter sehr wichtig für Chinkuchi ist, beginnt die Technik nicht dort. In Wirklichkeit beginnt sie in den Beinen, denn mit einer korrekten Technik wird so nicht nur die Kraft durch den Oberkörper zum Ziel geleitet, sondern auch der Stand stabilisiert. Diese Bewegung ist sehr fein und oft nicht sichtbar, was einen starken Kontrast zu der, für das Shotokan typischen, Hüftrotation im Gyaku Zuki darstellt. Ja, diese Hüftrotation erzeugt auch Kraft für den Schlag. Ich sehe kein Problem in der Rotation an sich, jedoch bin ich der Meinung, dass ihre Bedeutung für das Shotokan Training überbewertet wird. Der größte Nachteil an der Hüftrotation ist die Zeit, die dafür benötigt wird. Im Bujutsu ist jedoch die Schnelligkeit der Kraftentwicklung besonders wichtig. Deshalb lernen fortgeschrittene Shotokan Karateka eine andere Technik, den Hüftschwung, der dem Konzept von Chinkuchi sehr ähnelt. Jedoch wird dieser in einem durchschnittlichen Shotokan-Dojo Training leider nicht ausreichend erklärt und trainiert.

Wichtig ist, dass Chinkuchi überraschenderweise keine hochgradige Technik ist. Nahezu jeder kann seinen Körper anspannen. Zu einer Herausforderung wird das Ganze aber, wenn Sie so geübt sein möchten, dass Sie diese Spannung kontrollieren und bestimmte Muskeln, bzw. Muskelgruppen gezielt ansprechen können. Sie können erst behaupten diese Technik gemeistert zu haben, wenn Sie in der Lage sind Chinkuchi harmonisch mit Gamaku und Muchimi zu verbinden.

Fazit:

Um die Effizienz unserer Bewegungen auf ein Höchstmaß zu bringen, haben die naigougaijyu-tateokinawanischen Meister Techniken erfunden, die die „normalen“ Bewegungen des menschlichen Körpers beschleunigen, bzw. modifizieren. Bei unserer Auseinandersetzung mit Muchimi und Gamaku haben wir das bereits festgestellt. Diese zwei Techniken sind aber nicht alleinstehend. Sie müssen zusammen mit der Haupttechnik Chinkuchi angewendet werden, um die Effektivität des Angriffs, oder der Abwehr zu steigern. Mit anderen Worten müssen Sie Chinkuchi gut beherrschen, um auch das Gamaku und Muchimi effektiv einsetzen zu können. Selbst wenn Sie ein gutes Gamaku entwickeln, werden Sie den „unsichtbaren Fuß“ nicht ausführen können, wenn Sie dabei kein korrektes Chinkuchi einsetzen. Das Selbe gilt auch für die Beziehung zwischen Muchimi und Chinkuchi.

Was denken Sie nun, nachdem Sie mehr über Chinkuchi erfahren haben? War das gänzlich neu für Sie? Obwohl der Begriff an sich, wie auch die anderen zwei, für die Shotokan Karateka unbekannt gewesen sein dürfte, sind die dahinter stehenden Konzepte nicht so fremd. Ich glaube, dass sehr ähnliche Konzepte und Techniken auch unter den Shotokan Instruktoren (zumindest in der Asai-Gruppe) weitergegeben wurden.

Mein Verständnis vom Chinkuchi rührt von dem Verständnis der Shotokan Techniken und Lehren, die ich von meinen Senseis erhielt. Um zu erfahren, ob ich Chinkuchi richtig verstanden habe, oder mich irre, möchte ich die Übenden aus den okinawanischen Stilen darum bitten mir Feedback zu geben. Ich bin immer offen für konstruktive Kritik und die Möglichkeit von anderen Stilen zu lernen.

Als ein kleines Extra füge ich nun einige Videos ein, die die Chinkuchi Bewegungen und das Training erklären. Leider sind sie auf Japanisch, aber ich hoffe, dass sie trotzdem interessant für Sie sein werden.

松林流 新里勝彦先生ピンアン初段 #1 (Shinzato Sensei #1):
https://www.youtube.com/watch? v=xJcVyPnuuRs

#10:
https://www.youtube.com/watch?v=mXiB0l7MseM

#11:
https://www.youtube.com/watch?v=XoLScBKGpSY

Goju-ryu Chinkuchi-Training:
https://www.youtube.com/watch?v=F1-Eqquri0o

剛柔流空手道型・久場良男チンクチ・ガマク鍛錬法:
https://www.youtube.com/watch?v=rgF6XzMAfKQ#t=11

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This article was translated by Mr. Philipp Surkov.

Was bedeutet Gamaku?

In einem okinawanischen Dojo könnten Sie Aufforderungen wie  „gamaku wo irero“, was sowie heißt wie „setze mehr Gamaku ein“, oder „gamaku wo kakero“ („wende mehr Gamaku an“) hören. Ich vermute, dass der Begriff „Gamaku“ für viele Shotokan Karateka fremd sein könnte, es sei denn, man hatte die Gelegenheit einen der okinawanischen Stile, wie Uechi-ryu und Goju-ryu, auszuüben. „Was ist denn nun Gamaku?“, fragen Sie sich dann. Lassen Sie uns diesen Begriff gemeinsam untersuchen und schauen, ob wir irgendetwas Neues für das Shotokantraining finden, oder vielleicht sogar feststellen, dass wir all das schon unter einem anderen Namen kennen.

Uehara Seikichi

Zunächst erkläre ich die Wortbedeutung: Es ist ein okinawanisches Wort, das die weiche Stelle seitlich an der Taille und oberhalb des Beckens beschreibt. Üblicherweise wird mit diesem Begriff eine Frau mit sehr schmaler Taille bezeichnet. Selbstverständlich wird es im Karatetraining sowohl für Frauen, als auch auf Männer verwendet. Außerdem wird dieses Wort im okinawanischen Tanz, das über viele Generationen eng mit Okinawa-Te verwandt ist, benutzt. Ich habe bereits in einem anderen Artikel darüber geschrieben und postete eine Videoaufzeichnung davon, wie Meister Uehara Seikichi aus dem Motobu-ryu den Tanz „Bu no mai“ vorführt.

 

Hier ist nochmal das Video, falls Sie es noch nicht gesehen haben:

https://www.youtube.com/watch?v=vitxPuC7sTI

Nun könnten Sie sich fragen, was die Taille mit Karate zu tun hat. Es steht ganz klar in Verbindung mit Karatetechniken, doch die wörtliche Übersetzung kann irreführend sein. Es gibt zwei verschiedene Arten von Gamaku und diese Tatsache könnte, ähnlich wie beim Muchimi, selbst unter den okinawanischen Karateka für Verwirrung sorgen. Lassen Sie mich beide Begriffe erklären und vielleicht werden Sie in der Erklärung etwas Bekanntes aus dem Shotokan-Training wiedererkennen.

Zunächst sollte man den Körperbereich, der für die Gamaku-Technik zum Einsatz kommt, definieren. Wenn wir das tun, wird der Unterschied zwischen den beiden Gamaku Methoden klarer.

Der Körperbereich der ersten Gamaku-Methode:Higaonna gamaku

 

Der Gamaku-Bereich dieser Methode erstreckt sich nicht nur über die Taille, sondern auch über die gesamte Bauchregion, darunter Seika Tanden (der Kern des unteren Bauchmuskelbereiches). Hier sehen Sie ein Foto von Higaonna Sensei auf dem er einen Gyaku Zuki mit Gamaku-Einsatz demonstriert. Der rote Kreis markiert den Gamaku-Bereich. Den eigentlichen Mechanismus des Gamaku-Einsatzes erkläre ich später.

Der Körperbereich der zweiten Gamaku-Methode:

Gamaku

Die zweite Methode setzt, wie Sie es auf dem Foto erkennen können, einen kleineren Bereich ein. Abgebildet ist eine Kagi Zuki Technik, die hier vermutlich mit der Anwendung von Gamaku im oberen rechten Hüftbereich ausgeführt wird. Der rote Kreis zeigt den genauen Bereich an, in dem Gamaku angewendet werden sollte. Das ist der eigentliche Bereich, den der nicht Karate-bezogene Begriff Gamaku beschreibt. Möglicherweise haben die alten Meister den Begriff „geliehen“, um die Technik zu erklären und anzusagen, weil der Bereich ähnlich dem ist, auf den die Technik anzuwenden ist. In der späteren Beschreibung der zweiten Methode werden wir feststellen, dass die Anwendung nicht auf diesen kleinen Bereich alleine beschränkt ist.

Nun kennen Sie die Körperstellen, die für die beiden Techniken verwendet werden. Als nächstes möchte ich den Mechanismus dahinter erklären und beginne mit dem Körperbereich, der die ganze Bauchregion deckt. Unabhängig davon, ob man die erste, oder zweite Methode nutzt, ist das Ziel der Gamaku-Technik generell die selbe: Man verbessert damit die Kraftentwicklung, die Gewichtsverlagerung und die Balance.

Aber wie kontrolliert und wendet man Gamaku an? Das Meistern dieser Technik ist schwer, doch das Verstehen des Mechanismus hingegen ist relativ einfach. Stellen Sie sich zuerst vor, dass Ihre Bauchregion ein mit Wasser gefüllter Luftballon ist. Unten sehen Sie eine Abbildung dieses Mechanismus:Gamaku diagram

 

Wenn Sie beginnen diesen Mechanismus einzusetzen, könnte der „Luftballon“ noch recht klein sein und entsprechend wird auch die Wirkung der Technik klein ausfallen. Wenn Sie aber trainieren, Ihre Fähigkeiten verbessern und mehr Kontrolle gewinnen, wird der Luftballon sich vom Schultergürtel bis hin zu den Knien ausweiten, so wie es der rot markierte Bereich auf der ersten Abbildung (Higaonna Senseis Gyuaku Zuki) zeigt.

Der Mechanismus ist einfach: Wenn Sie den Schwerpunkt Ihres Körpers verlagern möchten, verlagern Sie das „Wasser“ von einer Seite auf die Andere, hoch und runter, vorwärts und rückwärts, usw. Dieses Prinzip gilt nicht nur für die Körperbalance, sondern auch für die Entwicklung einer tödlichen Technik, da Sie damit die Kraft und Geschwindigkeit erhöhen. Dieser Mechanismus dürfte für Einige recht unbekannt sein, aber er ist definitiv nicht lächerlich, oder unrealistisch. Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Körper tatsächlich zu mehr als 50 % aus Wasser bestehen. Insbesondere in der Bauchregion befinden sich viele Organe, deren Wassergehalt viel höher ist, als im restlichen Körper. Indem Sie die trainierte innere Muskulatur einsetzen, können Sie einige der Organe (das Wasser) bewegen und damit diesen Mechanismus ermöglichen. Ich hatte mal ein Video von Rickson Gracie gepostet, in dem er seine Yoga-Übungen macht und eine davon wird genutzt, um die innere Muskulatur der Bauchregion zu trainieren. Hier können Sie sich das Video, in dem er die gesamte Bauchregion trainiert, nochmal anschauen:

https://youtu.be/CB_KRHXU1BA?t=3m7s

Rickson Gracie exercise

Diese Übung wird im Yoga Feueratem genannt und ist großartig für Ihre Gesundheit, doch Rickson machte das nicht aus gesundheitlichen Gründen. Ich bin mir sicher, dass er damit für seine MMA-Kämpfe trainierte. Wie das? So wie er seine Bauchmuskeln trainiert hat, können Sie sich bestimmt denken, dass er die Gamaku-Technik mit Leichtigkeit in jedem Teil der Bauchregion anwenden kann. Das ist der Grund dafür, warum er unschlagbar war, sobald er seinen Gegner auf den Boden zwang und die Oberhand gewann. Falls sein Kampfstil Ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte, schlage ich vor, dass Sie sich einige seiner Kämpfe anschauen. Sie werden bemerken, dass er es nicht darauf anlegte jemanden aus dem Stand mit Schlägen nieder zu strecken. Viel mehr versuchte er die Gegner auf den Boden zu bringen, dann hielt er sie unten und schlug so lange auf sie ein, bis diese aufgaben. Weil er seinen Körperschwerpunkt so gut kontrollieren konnte, fiel es seinen Gegnern schwer ihn herunter zu werfen.Rickson Gracie

 

OK, genug über MMA. Okinawanische Karateka üben nicht so viel Bodenkampf wie es im Brasilianischen Jiu-Jitsu (BJJ) der Fall ist. Warum ist die Entwicklung des Gamaku für sie dann so wichtig? Man könnte sagen, dass die Arme und Beine ausreichen, um den Körperschwerpunkt zu kontrollieren und das Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Es stimmt, Sie können das wirklich tun. Unsere Körper bestehen aus vielen Gelenken und kleinen Teilen, also kann man einfach die Hüftgelenke bewegen, um das Gleichgewicht beizubehalten. Wenn Sie zum Beispiel Ihr Gleichgewicht nach links verlagern möchten, ohne dabei das Bein zu versetzen, brauchen Sie sich nur nach links zu lehnen, oder Ihre Hüftgelenke nach links zu bewegen. Wenn das nun so einfach ist, wo ist dann das Problem? Die Antwort darauf kennen diejenigen, die Bujutsu, also den „Kampf auf Leben und Tod“, praktizieren. Im Bujutsu sollte man die Bewegungen auf ein Minimum reduzieren, denn Bewegungen verraten dem Gegner Ihre Absichten. Das Gleichgewicht mithilfe von Gamaku zu kontrollieren, erlaubt Ihnen unauffällig zu agieren. Deshalb ist die Entwicklung des Gamaku im Bujutsu-Karate in der Tat von äußerster Wichtigkeit. Im Modernen Wettkampfkarate hüpfen die Kämpfer auf und ab und unter diesen Umständen wird solch ein Feinsinn nicht benötigt. Stellen Sie sich mal zwei Menschen vor, die mit Messern bewaffnet gegeneinander kämpfen. Würden sie hin und her hüpfen? Wahrscheinlich nicht, sofern sie beide überleben wollen. Sie würden sich wahrscheinlich gar nicht, oder, wenn es sein muss, nur sehr wenig und sehr langsam bewegen. Ich habe großen Respekt vor den alten Meistern, die diesen Aspekt derart durchdacht haben, sowie ihre Fähigkeit die für diese Technik nötigen Übungen zu entwickeln.

centre-of-gravity.1

 

Um zu verstehen, wie Gamaku angewendet wird, sollten Sie erstmal über das Konzept des Körperschwerpunktes Bescheid wissen. Dieses Konzept ist für den Menschen nichts Neues. Jeder Massenkörper besitzt es. Wenn Sie stehen, finden Sie es am Seika Tanden, in der Nähe des Bauchnabels. Wenn wir uns bewegen, verändert sich die genaue Stelle andauernd. Ergänzend zum Körperschwerpunkt gibt es aber noch ein weiteres, für die Kampfkünste wichtiges Konzept, nämlich das der Zentrallinie. Auf japanisch nennt es sich Chushinsen 中心線, was wörtlich „Zentrallinie“ bedeutet, oder auch Chushinjiku 中心軸 (Zentralachse). Wenn Sie aufrecht stehen, zieht sie sich vom Scheitel bis zum Steißbein, so wie es im linken Teil der Abbildung dargestellt ist.

中軸側軸

Sie wird von mindestens zwei weiteren Linien unterstützt (rechter Teil der Abbildung), die man als Soku Jiku 側軸 bezeichnet (seitliche Achsen). Weil es an sich ein komplexes Thema ist, werde ich hier nicht weiter darauf eingehen. Wenn Sie jedoch mehr darüber erfahren möchten, verweise ich Sie gerne auf mein Buch „Shotokan Mysteries“, in dem ich mich in einem der Kapitel ausführlich mit den Konzepten des Körperschwerpunktes und der Zentrallinie befasse.

Stellen Sie sich vor, dass Sie aufrecht und im Shizentai vor einem großen Spiegel stehen (besser natürlich, wenn Sie so einen tatsächlich besitzen). Richten Sie nun Ihren Blick auf irgendetwas, was sich in dem Bereich um sie herum, am besten direkt hinter dem Kopf, befindet, sodass Sie aber sehen können, wenn Ihr Körper sich zu den Seiten bewegt. Heben Sie nun ein Bein an, so, als würden Sie sich für einen Mae Geri vorbereiten. Ist Ihnen aufgefallen, dass der ganze Körper sich in Richtung des Standbeines bewegt hat? Das ist selbstverständlich, wenn Sie das Gleichgewicht aufrecht erhalten wollen. Aber könnten Sie das gleiche Bein anheben, ohne sich dabei zur Seite zu lehnen? Wenn Sie es langsam machen, werden Sie es wahrscheinlich nicht schaffen, doch wenn Sie das Bein sehr schnell anheben und wieder absetzen, könnten Sie den Stand für eine sehr kurze Zeit beibehalten. Ich vermute, dass Sie, beim Ausführen dieser schnellen Bewegung, Ihre Hüft- und Bauchmuskulatur anspannen. Versuchen Sie das Selbe aus dem Zenkutsu Dachi. Wenn Sie das schaffen, dann versuchen Sie einen Mae Geri auszuführen, ohne dabei zu schwanken. Könnten Sie das? Sie schaffen es nicht, wenn Sie keinen Gamaku entwickelt haben.Balance shift gamaku

 

Wahrscheinlich müssen Sie sich, wenn auch nur ein Bisschen, zu Seite lehnen, um den Gleichgewichtsverlust wieder auszugleichen. Ein seitliches Lehnen ist aber derart auffällig, dass Ihr Gegner mit Leichtigkeit Ihre Bewegung vorhersehen könnte. Die meisten Übenden lehnen sich entweder in Richtung des Standbeines, oder sie führen Finten aus, sei es mit Schritten, oder Händen, um den Trittansatz zu vertuschen. Das ist der Grund für das Hüpfen im Wettkampfkarate. Um aber treten zu können, ohne dabei zur Seite zu lehnen, werden Sie die Gamaku-Technik, also ein nicht sichtbares Verlagern der Organe, um das Gleichgewicht beizubehalten, einsetzen müssen.

Ich sollte vielleicht hinzufügen, dass wir auch eine Mittellinie besitzen, wenn man den Körper von der Seite betrachtet. Um sich vorwärts zu bewegen, wie z.B. beim alltäglichen gehen, müssen wir unser Gewicht nach vorne verlagern.  Das ist jedem klar. Was Sie aber möglicherweise nicht bewusst wahrnehmen, ist, dass Sie in der Tat bei jedem Schritt das Gleichgewicht stören, um es anschließend wieder aufzubauen. Ohne den Körperschwerpunkt  zu verlagern und aus der Balance zu geraten, schaffen Sie es nicht in irgendeine Richtung auch nur einen einzigen Schritt zu machen.

側面軸

Wenn Sie einen braunen Gürtel (und darüber) tragen, haben Sie vermutlich die Bassai Dai oft trainiert und kennen die Kamae-Position zu beginn, bei der Sie in Heisoku Dachi stehen und die Hände vor dem Körper gefaltet haben. Möglicherweise haben Sie mal gehört, dass der Name dieser Kata so viel wie „Erstürmen einer Festung“, bzw. „die Mauer zerstören“ bedeuten soll und wahrscheinlich hat Ihr Lehrer Ihnen beigebracht, dass Sie die Bassai mit einem sehr schnellen und starken ersten Schritt beginnen sollten. Können Sie sich noch daran erinnern? Hat er Ihnen auch gesagt wie man das macht? Vermutlich nicht, denn ich sehe wie viele Übende zu Beginn leicht in die Knie gehen. Ich weiß auch warum sie das machen: Aus dieser Position kann man viel schneller nach vorne springen. Allerdings soll man da nicht in die Knie gehen. Den selben Fehler sehe ich auch bei vielen Vorführungen der Tekki Shodan. Wussten Sie, dass Sie auch da nicht in die Knie gehen sollen?

Ob Sie es glauben, oder nicht, aber diese beiden Kata sind u.a. dazu da, um Gamaku zu trainieren. Mit Bassai (Dai und Sho) lernen Sie sich mit Hilfe von Gamaku nach vorne zu katapultieren und mit der Tekki schnell zur Seite zu schreiten. Gamaku ist eine der wichtigsten Techniken, die Sie mit diesen zwei Kata lernen sollen. Ja, das ist die Methode, die jeder Sensei bei der Bassai und Tekki zuerst erklären sollte. Wie bereits erwähnt, habe ich in meinem Buch „Shotokan Mysteries“ das neunte Kapitel der unsicheren Balance gewidmet. Lesen Sie es sich bitte durch, denn dort habe ich im Detail erklärt, wie man den Körper kontrolliert, um sich explosiv und zugleich geschmeidig Bewegen zu können.

Ich mache weiter mit der Tekki, denn diese Kata ist großartig. Sie beinhaltet viele wichtige Trainingsaspekte, die üblicherweise nicht bei einem normalen Shotokan Training erklärt werden. Ich habe mal einen Artikel darüber verfasst, der „Secret Key Points of Shotokan’s Tekki Shodan“ („Die geheimen Grundgedanken in Shotokans Tekki Shodan“) heißt und 2013 in der 25. Ausgabe des Classical Fighting Arts Magazins abgedruckt wurde. Dort sprach ich von dem Konzept des „unsichtbaren Fußes“ und dessen Trainings durch den Nami-Gaeshi. Es wird u.a. als Fußblock, oder als Tritt zum gegnerischen Knie interpretiert, doch leider wird dabei komplett vergessen, dass das Hauptziel der Nami-Gaeshi-Technik die Entwicklung eines starken Gamaku ist.

Als Beispiel kann ich kann viele Fotos von Shotokan Übenden nehmen, die sehr schöne „unsichtbare Füße“ demonstrieren. Hier sehen Sie eins dieser Beispiele und ich glaube, dass es Miyata Sensei von der JKA ist:

Namigaeshi text photo

Auf dem rechten Foto können Sie den unsichtbaren Fuß erkennen (sein rechtes Bein). Alleine durch die Kontrolle seines Gamaku konnte er das Bein anheben, ohne dabei nach links zu lehnen. Fast jeder Schwarzgurtträger kann das mit großer Mühe und für einen Bruchteil der Sekunde. In der Tekki ist es aber sehr schwer einen ordentlichen Nami-Gaeshi auszuführen, dabei den Oberkörper entspannt zu lassen und das Gleichgewicht auch nur für eine halbe Sekunde zu erhalten. Sie sollten hier versuchen nicht nur die rechte Seite des Hüftbereiches anzuspannen, sondern auch die inneren Organe zur linken Seite zu verschieben, um die Balance auszugleichen, was eine große Herausforderung darstellt. Je mehr Kontrolle Sie über Ihr Gamaku entwickeln, desto länger können Sie so auf einem Bein stehen. Der Vorteil für eine reale Situation kann z.B. der heimliche Ansatz eines Trittes sein. Ihr Gegner wird kein verräterisches nach vorne Lehnen des Oberkörpers wahrnehmen können.

Hier sehen Sie zwei Videos, in den ein Goju-ryu Lehrer die Gamaku-Anwendung beim Mae Geri erklärt. Leider gibt es diese Videos nur auf japanisch, aber hoffentlich können Sie auch so nachvollziehen, was er erklärt:

Teil 1:

https://www.youtube.com/watch?v=oU-3jS9H38M

Teil 2:

https://www.youtube.com/watch?v=wVMJFA-AVps

 

OK, nun zur zweiten Methode:

Hier werden die Muskeln betont, die als schräge Bauchmuskel (musculus obliquus abdominis) bezeichnet werden und die Hüften mit dem Torso verbinden. Tatsächlich gibt es in der Bauchregion mehrere Schichten von diesen Muskeln. Die eine nennt sich innere schräge Bauchmuskulatur und die darunter heißt querverlaufende Bauchmuskulatur (transversus abdominis).

Core-Abdominal-Muscles

 

Wir können diese innere Muskulatur nicht spüren, selbst wenn wir uns ihrer Existenz bewusst sind. Deshalb mussten die okinawanischen Meister den weichen Bereich am Rand des Bauches, der hauptsächlich aus Haut und Fett besteht, als Gamaku bezeichnen. Aus diesem Grund kann es recht verwirrend sein, wenn in Lehrbüchern unter der Anwendung von Gamaku dieser Bereich abgebildet wird. Um aber wirklich zu verstehen, wo der Bereich liegt, benötigen Sie die detaillierte Erklärung eines Experten. Eine weniger bekannte Tatsache ist, dass Sie diese innere Muskulatur dazu verwenden, um während der Ausführung einer Technik, durch die Verbindung zwischen Hüfte und Torso, eine bessere Balance und die maximale Kraft zu entwickeln.

Ich erklärte bereits, dass man bei der ersten Methode die Bassai für das Training des Gamaku-Einsatzes nutzen kann, um rasch vorwärts zu schnellen. Bei der zweiten Methode soll die Seisan für das Training genutzt werden. Letztere ist übrigens vor Vorgänger der Hangetsu, einer Kata, die den Shotokan-Übenden besser bekannt sein dürfte. Während im Seisan der Übende den Sanchin Dachi einnimmt, stehen wir im Hangetsu Dachi.

Seisan Uechi

Der Sachnin Dachi ist ein viel kürzerer Stand (siehe Foto, Uechi-ryu, bzw. Pangai-noon), bei dem der Karateka lernen muss Kraft und Stabilität durch das Anspannen der inneren Oberschenkelmuskulatur und Hüftmuskulatur zu entwickeln. Man spannt diese abwechselnd an, während man vorgeht und gleichzeitig die Abwehr- und Angriffstechniken mit den Armen ausführt. Es ist wichtig anzumerken, dass man während des ganzen Prozesses die Gesäßmuskeln angespannt hält und den unteren Teil des Beckens nach vorne zieht, sodass auch der Bereich des Seika Tanden nach vorne geschoben wird. Wenn man einen Schritt vorwärts macht, spannt man die innere Oberschenkelmuskulatur an, um beim Einnehmen des Standes viel Stabilität zu generieren. Diese Vorgehensweise ist Teil von Chinkuchi, das ich im dritten Teil dieser Artikelserie erklären werde. Die Kernaussage hierbei ist, dass unser Körper auf eine ganzheitliche Art und Weise funktioniert. Mit anderen Worten: Alle Körperteile sind nicht nur miteinander verbunden, sie werden auch zusammen koordiniert. Sie können keinen einzigen Muskel bewegen, ohne dabei die Anderen ebenfalls anzusprechen, ganz egal wie klein diese sind. Wenn Sie also Gamaku anwenden, sollte es mit anderen Techniken, wie Chinkuchi und Muchimi koordiniert werden. Mit „koordiniert“ meine ich sowohl die An-, als auch Entspannung der Muskeln in den verschiedenen Bereichen des Körpers. Es mag zuerst verwirrend klingen, aber stellen Sie sich unsere Körper als Orchester vor, die aus vielen verschiedenen Instrumenten bestehen. Wenn alle Instrumente auf einmal laut spielen, entsteht keine Musik. Jedes Musikinstrument sollte koordiniert seinen Teil spielen (laut, leise, langsam, schnell, usw.), damit schöne Musik entsteht. Das Gehirn ist der Dirigent und seine Aufgabe ist es u.a. die verschiedenen Instrumente, also unsere Muskeln, zu dirigieren.

Wie dem auch sei, dieser Mechanismus mit dem Anspannen der inneren Muskulatur ist schwer mit Worten zu erklären, wenn Sie aber die Hangetsu mit der tiefen Atmung geübt haben, wird die Erklärung oben für Sie Sinn machen. In meinem Buch „Shotokan Myths“ gibt es ein Kapitel (S. 157) über die Hangetsu, den wahren Sinn dieser Kata und das Rätsel des Hangetsu Dachi. Darin habe ich nicht über Gamaku geschrieben, aber ich erklärte, dass es wichtig ist die Gesäßmuskeln anzuspannen und die innere Oberschenkelmuskulatur richtig einzusetzen, um einen korrekten Stand und Kraft für die Technik zu entwickeln.

Ich nehme an, dass die Tekki ebenfalls verwendet wird, um eine einseitige Gamaku-Anwendung zu trainieren. Abgesehen davon, dass man Gamaku mit jeder Technik trainieren kann, sind die Beispieltechniken, die hier wohl am besten für dieses Training passen, Kagi Zuki und Mawashi Enpi Uchi. Wenn Sie im Training fortschreiten, werden Sie außerdem lernen wie man umgekehrt atmet, also beim Ausatmen die Bauchregion ausweitet (und umgekehrt), während man dabei die inneren Organe nach oben und unten verlagert, für eine bessere Balance und ein gutes Gefühl für Stabilität.

Bei der zweiten Methode betont man, zumindest am Anfang, nur eine Seite an der Taille, während man bei der ersten Methode die gesamte Bauchregion anspricht. Ich denke, dass die einseitige Entwicklung besser für den Anfang geeignet ist, da es sehr schwer ist eine komplette Kontrolle über sämtliche Bauchmuskeln zu erarbeiten. Wenn man im Training fortschreitet, entwickelt sich früher, oder später, die zweite Methode zur ersten.

Fazit:

Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass, obwohl die angesprochenen Bereiche bei den beiden Gamaku-Methoden sich leicht unterscheiden, das Prinzip hinter ihrer Anwendungen das Gleiche ist. Wichtig für die Shotokan-Übenden ist, dass diese Anwendungen auch in einigen Shotokan-Kata trainiert werden können, selbst wenn der Begriff ihnen zunächst fremd erscheinen mag. Ich glaube außerdem, dass wir das Anspannen des Gesäßes und Vorschieben des Beckens ohnehin oft in unserem Kihon trainieren. Auf dem Foto sehen Sie wie Kagawa Sensei von der JKS einem Schüler einen Gyaku Zuki erklärt. Dieses Foto stammte übrigens aus einem Lernfilm, den einige Leser kennen könnten.Kagawa teaching gamaku

 

Hier erklärt Kagawa Sensei die wichtige Rolle der Hüftregion, die mit dem stützenden Bein verbunden ist (linkes Bein beim linken Gyaku Zuki) und betont, dass die Schulter des schlagenden Armes nicht angehoben werden sollte. Er benutzt zwar nicht den Begriff Gamaku, doch die Idee hinter dem, was er vermitteln wollte, hat viel Ähnlichkeit mit der zweiten Methode, die ich beschrieb. Andere Shotokan-Experten und Meister wie Asai, Kanazawa und Yahara (siehe Foto) lehren über die Bedeutung des Seika Tanden und der inneren Muskulatur und auch sie nutzen den okinawanischen Begriff nicht.

Yahara

Daraus kann man schließen, dass die Prinzipien des okinawanischen Karate, die hinter der Balance und der Kraftgentwicklung stehen, bis zum heutigen Shotokan Karate weiter gegeben wurden. Bedauernswert ist allerdings, dass einige der wichtigeren Zielsetzungen und Methoden des Katatrainings nicht der breiten Masse erklärt und unterrichtet werden. Ich stelle fest, dass das Interesse am Bunkai Training heutzutage steigt und das ist gut. Nun hoffe ich, dass mehr Shotokan Karateka die Entwicklung der inneren Muskulatur beim Training der oben aufgeführten Kata berücksichtigen werden.

Ich bin mir sicher, dass Sie Ihre Karate-Techniken grundsätzlich verbessern werden, wenn Sie die Gamaku-Fertigkeiten entwickeln. Jetzt, wo Sie über die Bedeutung von Gamaku erfahren haben und wissen, dass die dazu nötigen Trainingsmethoden leicht zugänglich sind, gibt es keine Ausreden mehr dafür, das Konzept nicht in Ihr Training aufzunehmen.

Was sind Chinkuchi, Gamaku und Muchimi? Teil 1

Haben Sie schon mal von Chinkuchi, Gamaku und Muchimi gehört? Wenn Sie einen Stil des okinawanischen Karate (z.B. Goju-Ryu) ausüben, dann dürften Sie diese Begriffe kennen. Im okinawanischen Karate sind sie sehr verbreitet und es wird als notwendig empfunden diese Konzepte zu beherrschen, wenn man sein Karate perfektionieren möchte.

Okinawa masters

Soweit ich weiß, werden diese Begriffe nicht im Shotokan-Training verwendet. Folglich haben die meisten Übenden nichts davon gehört. Dabei glaube ich, dass auch das Shotokan Karate einige ähnliche Konzepte besitzt. Ich möchte nicht sagen, dass den Shotokan-Übenden damit etwas fehlt, dennoch hoffe ich, dass Sie mir zustimmen, wenn ich behaupte, dass es vom Vorteil sein könnte diese Konzepte und Methoden zu erforschen. Vielleicht können wir ja auch etwas daraus lernen.

 

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich von keinem meiner ehemaligen Lehrer diese Begriffe beigebracht bekommen habe. Ich habe, vermutlich wie auch Sie, weder im regelmäßigen Training im Dojo, noch auf besonderen Lehrgängen davon gehört. Diese Begriffe lernte ich hauptsächlich aus Karate-Büchern, die ich während meiner Forschungen gelesen habe. Dann verglich ich das Gelesene mit den Techniken, die ich bereits aus dem Shotokan kannte. Was ich dabei feststellte, war nicht nur interessant, sondern auch sehr aufschlussreich. Aus diesem Grund hoffe ich, dass auch Sie, nach dem Lesen dieses Artikels, die Information als bereichernd für Ihr Training betrachten werden.

 

Bevor ich aber in das Thema einsteige, muss ich hervorheben, dass es verschiedene Variationen dieser Techniken gibt, deren Verständnis vom Stil des okinawanischen Karate abhängt. Ich behaupte nicht, dass ich diese Techniken gemeistert habe, oder alles, was man darüber wissen kann, hier behandle. Wenn ich mich in irgendeiner weise irre, oder falsch ausdrücke, bitte ich den Leser darum mich zu korrigieren.
Lassen Sie uns nun mit einem Konzept beginnen, welches, wie ich finde, am einfachsten zu erklären und zu verstehen ist: Dem Muchimi.

 

Teil 1: Was ist Muchimi?
Es gibt zwei verschiedene Arten von Muchimi und sie werden mit zwei verschiedenen Kanji-Zeichen beschrieben, obwohl die Aussprache sehr ähnlich ich. Das Erste ist Mochimi 餅身 (Reiskuchen-Körper). Es bedeutet, dass ein Übender so trainiert, dass sein Körper ähnlich dem Mochi (oder Omochi), einer beliebten japanischen Speise, wird.mochi1

Der Reis wird zu einem Teig gestampft und zu der gewünschten Form geknetet. In Japan macht man das bei einer Zeremonie, die Mochitsuki heißt. Obwohl man den Reiskuchen das ganze Jahr über essen kann, ist Omochi ein traditionelles Neujahrsgericht in Japan. Wenn Sie schon Mal ein Omochi gegessen haben, dann kennen Sie dessen Konsistenz. Es besitzt eine hohe Elastizität, fast so wie bei einem Kaugummi.

 

Nun können Sie sich denken, wie der Körper nach dem Training sein müsste. Indem man das Zeichen für Mochi verwendet, weist man auf die Flexibilität des Körpereinsatzes hin. Diese Technik wird entwickelt, indem man sowohl die Streck-, als auch Beugemuskeln verwendet. In diesem Artikel werde ich aber nicht die genauen Einzelheiten des Mechanismus technisch beschreiben. Kurz: Die Essenz des Körpereinsatzes besteht hierbei in dem maximalen Einsatz der Beugemuskeln, was zu der vollen Ausdehnung der Streckmuskeln führt.

Shoulder diagram in German

Sehr vereinfacht heißt das, dass Sie Ihre Muskeln maximal anspannen und dann entspannen, um die höchste Streckung zu erreichen. Die Sprungfeder ist eine gute Analogie dazu: Fest zusammengedrückt, wird die Feder sich explosiv ausdehnen, wenn sie plötzlich losgelassen wird. Um das Ganze noch effektiver zu machen, werden die Beuger für die Entspannung trainiert, sodass sie die maximale Dehnbarkeit erreichen können. Indem Sie das meistern, können Sie eine explosive Kraft in Ihren Schlägen generieren, ohne den Ellbogen dabei voll ausstrecken zu müssen. Am effektivsten ist das in Nahkampfsituationen, deshalb übt man diese Technik vor allem in Naha-Te Stilen (wie Goju-Ryu, Uechi-Ryu, usw.), weil diese sich auf den Nahkampf spezialisieren.

Eine Sache muss dazu gesagt werden: Obwohl diese Technik sehr kraftvoll ist, wird man damit keinen peitschenden Schlag erzeugen können. Viel mehr ist es wie bei einem Stoß mit dem Bo (Kampfstock). Die Geschwindigkeit des Stoßes ist langsamer, als die einer peitschenden Technik, wie sie von den Shuri-Te Übenden (hauptsächlich im Shorin-Ryu) praktiziert werden. Ein mit Mochimi ausgeführter Schlag wird also viel mehr einem Stoß ähneln, als einem gepeitschten Schlag. Letzterer ist bei harten Trefferflächen, wie z.B. dem Brustkorb, oder dem Bauch am effektivsten. Trifft man mit dem peitschenden Schlag am Kopf, wird der Kopf wahrscheinlich abprallen und damit die Trefferwirkung vermindern.

Wenn Sie sich eine Vorführung der Naha-Te Kata Sanchin anschauen (siehe Link am Ende des Absatzes), werden Sie nur Schläge auf der Chudan Ebene sehen. Das zeigt, dass die Mochimi-Technik im Naha-Te dort am wirkungsvollsten ist. Natürlich müssen auch andere Techniken gleichzeitig eingesetzt werden, um den Schlag zu verstärken. Einige Beispiele dieser Techniken sind Tsukami (greifen), Hikiyose (heranziehen) und Chinkuchi.

Klicken Sie auf den folgenden Link, um eine Vorführung der Sanchin vom weltberühmten Meister des okinawanischen Goju-Ryu, Morio Higaonna (10. Dan), zu sehen:

Und hier ist ein weiteres, interessantes Video, das das Muchimi-Training im Goju-Ryu veranschaulicht:

 

Die zweite Art des Muchimi wird mit den beiden Zeichen 鞭身 (Peitsche-Körper) geschrieben. Sie wurde von den Meistern des Shuri-Te, hauptsächlich des Shorin-Ryu, entwickelt. Einige Shuri-Te Anhänger nennen diese Technik ebenfalls Mochimi, jedoch ist bei dieser Technik der Kern ganz anders. Die gleiche Aussprache wurde im Shuri-Te benutzt, weil der Begriff Mochimi bei den Übenden des Naha-Te sehr populär geworden ist. Wenn man jedoch die Mechanismen der beiden Techniken studiert, wird man feststellen, dass es zwei völlig verschiedene Sachen sind. Der einzige gemeinsame Nenner ist der aktive Wechsel zwischen Spannung und Entspannung der Muskeln. Meiner Meinung nach sind die beiden aber so unterschiedlich, dass sie verschiedene Namen haben sollten.

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Vereinfacht erklärt ist Muchimi eine peitschenartige Technik. Um sie korrekt auszuführen, müssen Sie Ihre Arme, bzw. Beine entspannen und diese dann aus dem Körpermittelpunkt (Becken, oder Lendenwirbelsäule) schwingen. Dabei wird sich Ihr Arm/Bein weniger wie ein Stock, sondern eher wie eine Peitsche verhalten.

Naha-Te ist bekannt für den Fokus auf den Nahkampf, deshalb sind dort viele kurze Stände, wie Neko Ashi Dachi und Sanchin Dachi, sowie Techniken für die kurze Distanz, wie Ellbogenschläge, Knietritte, Kizami Mae Geri und sogar Kopfstöße enthalten. Es ist möglich eine peitschenartige Technik auf kurzer Distanz auszuführen, ohne dabei den ganzen Körper zu sehr zu bewegen, doch sie nutzen den Körper mehr wie einen Stock, als eine Peitsche. Andererseits bevorzugen die Vertreter des Shuri-Te, wie Sie bereits wissen, Stände und Techniken für die Langdistanz. Aus diesem Grund ist eine peitschenartige Ausführung für sie vom Vorteil. Allerdings ist der menschliche Arm relativ kurz und hat nur wenige Gelenke, was dessen effektive Verwendung als peitschende Waffe erschwert.

Schauen sie sich meine Kyusetsubin (eine neungliedrige Kettenpeitsche) an:

9 chain whip

Sie besitzt acht Gelenke und ein eher schweres Element am Ende, das sie zu einer tödlichen Waffe macht. Ich verwende aber lieber eine siebengliedrige Kette, weil die mit neun Gliedern zu lang für mich ist. Verglichen mit diesen Ketten hat unser Arm nur drei Gelenke: Schulter, Ellbogen und Handgelenk. Dazu kommt, dass die Faust kein so effektives Gewicht darstellt, wie das der Kettenpeitsche. Was sollte man also tun, um es trotzdem effektiv zu machen? Muchimi wird mit einer Zugbewegung und einer kontrollierten Anspannung der Muskeln benutzt. Man nennt dieses Vorgehen Chinkuchi, welches ich im dritten Teil des Artikels detaillierter erklären werde.

Lassen Sie uns hier ein einfaches Beispiel nehmen, um dieses Konzept zu verdeutlichen: Wenn Sie ein Handtuch als Peitsche nutzen wollten, wäre es sehr schwer das zu tun, wenn das Handtuch absolut trocken ist, ganz egal wie schnell Sie es schwingen. Doch was passiert, wenn Sie es komplett, oder zumindest das treffende Ende nass machen? Ja, dann wird es Ihnen viel leichter fallen es als Peitsche zu verwenden. Der trockene Teil des Handtuchs ist wie ein angespannter Muskel Ihres Armes und der Trick liegt in dem fließenden und damit sehr elastischen Charakter des Wassers. Das Wasser verleiht dem Handtuch mehr Gewicht, doch der wichtigste Effekt kommt von der Spannung, die es an das restliche Handtuch weitergibt. Was ich damit sagen möchte ist, dass Sie Ihre Muskeln minimal anspannen sollten, wenn Sie Muchimi anwenden. Eine übermäßige Spannung verlangsamt die peitschende Bewegung und erzeugt somit entweder eine ineffektive, oder überhaupt keine Peitsche.

Die bekanntesten peitschenartigen Techniken im Shotokan sind wohl der Uraken Uchi – ein Schlag, und der Mawashi Geri – ein Tritt. Wie dem auch sei, wenn Sie den Mechanismus hinter Muchimi verstehen und das Konzept beherrschen, können Sie Ihre Techniken generell viel schneller ausführen, auch wenn es ein Tsuki, ein Mae Geri, ein Yoko Geri, oder andere Techniken sind.

Die ultimative Technik ist der Ein-, bzw. Null-Zoll-Schlag. Dieser nutzt eine fundamentale physiologische Methode der Krafterzeugung mit minimaler Körperbewegung. Man nennt es auch Hakkei (発勁), was wörtlich „Krafterzeugung“ bedeutet und ich glaube, dass das Meistern von Muchimi bei der Entwicklung von Hakkei helfen kann.

 

Hier sind einige Videos zu dem Thema, die für Sie interessant sein könnten.

Tekki Shodan (Naihanchi Shodan) von Michiko Onaga:

Tekki Shodan des Shorin-Ryu Meisters Shinzato Katsuhiko:

 

Tekki Shodan von Tetsuhiko Asai:

 

Meister Asai demonstriert ein Training für den Körper:

 

Im zweiten Teil erkläre ich Ihnen was Gamaku bedeutet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf welchem Teil des Fußes sollte man sich drehen?

転身2

Ich habe bereits viele Fragen erhalten, die im Wesentlichen auf eins hinaus gehen:
Welchen Teil des Fußes sollte man nutzen, wenn man sich dreht?

Besonders häufig fragten die Übenden, ob sie den Fußballen, oder die Ferse nutzen sollten, wenn sie eine Drehung ausführen. Wir alle wissen, dass es für einen Karateka sehr wichtig ist sich schnell und gleichmäßig drehen zu können. Tatsächlich betrachte ich die Drehung als eine unabhängige Technik an sich. Heute versuche ich in diesem kurzen Artikel mein Verständnis von dieser Technik zu schildern. Ich würde gerne von den Lesern hören, ob sie mir zustimmen, widersprechen, oder ob es ihnen egal ist.

Nun, bevor wir über das Drehen reden, müssen wir zwei wichtige physikalische Konzepte beachten und verstehen: Den „Massenmittelpunkt“ und den „Schwerpunkt“.

Sie sind unterschiedlich, doch in unserem Fall werden sie synonym behandelt. Ich werde ein wenig aus Wikipedia zitieren, um die Definitionen der beiden Begriffe zu erklären:balance

In der Physik wird als Massenmittelpunkt der Verteilung einer Masse im Raum ein einzigartiger Punkt bezeichnet, an dem die gewichtete relative Position der verteilten Masse gleich Null ist. Die Verteilung der Masse wird um den Massenmittelpunkt balanciert und der Durchschnitt der Koordinaten der gewichteten Position der verteilten Masse definiert ihre Koordinaten. Berechnungen in der Mechanik werden vereinfacht, wenn man sie mit der Beachtung des Massenmittelpunktes formuliert. Im Falle eines einfachen starren Körpers, wird der Massenmittelpunkt im Bezug zum Körper bestimmt und wenn der Körper eine einheitliche Dichte besitzt, befindet er sich im geometrischen Schwerpunkt. Der Massenmittelpunkt kann sich außerhalb des physischen Körpers befinden, wie es manchmal bei hohlen, oder gekrümmten Körpern, z.B. einem Hufeisen, der Fall ist.“

Der Schwerpunkt (wieder aus Wikipedia):centre-of-gravity.1

In der Physik ist der Schwerpunkt eines materiellen Körpers ein Punkt, der für die zusammenfassende Beschreibung von Gravitationswechselwirkungen genutzt wird. In einem einheitlichen Schwerefeld dient der Massenmittelpunkt als Schwerpunkt. Das ist eine sehr gute Schätzung für kleinere Körper in der Nähe der Erdoberfläche, also entsteht in den meisten Praktiken, wie z.B. der Technik, oder der Medizin, kein praktischer Nutzen, wenn man den „Massenmittelpunkt“ vom „Schwerpunkt“ unterscheidet.“

(Anm. des Übersetzers: Ich habe mir überlegt, ob ich die Zitate übersetzen soll, oder nicht und habe mich dafür entschieden. Da ich kein Physikexperte bin, fiel es mir schwer die richtigen Begriffe zu finden. Es kann sein, dass die Formulierung sehr unglücklich und irre leitend ist, deshalb empfehle ich dem Leser die deutschen Wikipedia-Seiten zu dem Thema zu besuchen.)

Massenmittelpunkt: http://de.wikipedia.org/wiki/Massenmittelpunkt

Gravizentrum (Schwerpunkt): http://de.wikipedia.org/wiki/Gravizentrum

Somit habe ich die Wahl welchen Begriff ich für die Erörterung verwende und wähle den „Schwerpunkt“. Um den Körper zu verlagern und nur einen einfachen Schritt zu machen, müssen Sie den Schwerpunkt verlagern. Ob Sie es glauben, oder nicht, aber Sie werden nicht mal vom Stuhl aufstehen können, wenn Ihr Kopf daran gehindert ist sich nach vorne zu neigen. Versuchen Sie Folgendes: Lassen Sie einen Freund aufrecht auf einem Stuhl sitzen und halten Sie die Spitze Ihres Zeigefingers an seine Stirn, um das nach vorne Neigen zu verhindern. Ihr Freund soll nun versuchen aufzustehen. Sie werden feststellen, dass es für ihn unmöglich sein wird aufzustehen, solange Sie ihren Finger an seiner Stirn halten.

Wissen Sie genau wie Ihr Fuß aufgebaut ist? Wenn Sie nicht wissen, wie Ihr Rennauto konstruiert ist, werden Sie nie ein Fahrer auf Weltklassenniveau sein. Das selbe Prinzip trifft auch auf unseren Körper zu, wobei der Aufbau unserer Körper viel komplexer und präziser ist als der eines Rennautos, oder gar des technologisch am fortgeschrittensten Kampfjets. Hier ist eine Abbildung des Fußskeletts.

Wahrscheinlich hatten Sie bereits eine Vorstellung davon, dass die Knochenstruktur des Fußes so in der Art aussieht. Wie dem auch sei, ich vermute, dass Sie den Feinheiten der Knochen, die den präzisen Mechanismus des Fußes ausmachen, nicht genug Beachtung geschenkt haben. Bones of the footDer menschliche Fuß ist eine komplexe, mechanische Struktur, die aus 26 Knochen, 33 Gelenken, 19 Muskeln und Sehnen und 107 Bändern besteht. Die genauen Zahlen sind aber nicht wichtig. Was wirklich wichtig ist, ist dass Sie wahrnehmen, dass Ihr Fuß ein sehr komplexes Konstrukt ist. Die Muskeln und Sehnen befinden sich um die Knochen herum, damit Sie mit Ihrem Fuß zahlreiche genaue Bewegungen ausführen können. Eine dieser genauen Bewegungen ist das Gehen. Es ist nicht möglich einfach nur spazieren zu gehen, ohne der präzisen Zusammenarbeit der Muskeln, Sehnen und Bänder unserer Füße. Ich bin immer sehr beeindruckt und wahrlich dankbar, wenn ich die Mechanismen des menschlichen Körpers studiere. Würden Sie nicht zustimmen, dass unser Körper die Arbeit eines Genies und in der Tat ein Meisterwerk ist?

Ob Sie es glauben, oder nicht, aber der erste humanoide Roboter, der so gehen konnte wie ein Mensch, wurde erst im Jahr 2000 ermöglicht. ASIMO (1)Ein Roboter, der ASIMO („Advanced Step in Innovative Mobility“, siehe Foto) heißt, wurde von der Firma Honda hergestellt und im Oktober 2000 vorgestellt. Ich möchte das erwähnen, weil der präzise Mechanismus des zweibeinigen Gehens wirklich einzigartig ist. Das Gehen auf zwei Beinen, die Arme und Hände damit befreiend, war für den Homo sapiens notwendig, um sich von den anderen Spezies abzuheben. Zweibeiniges gehen kann zwar als eine sehr einfache Körperbewegung angesehen werden, ist aber unglaublich komplex und sehr schwierig für eine Maschine zu imitieren. Das Thema habe ich bereits in einem meiner Bücher behandelt, deshalb werde ich hier nicht weiter darauf eingehen. Was ich hier betonen möchte, ist, dass wir niemals leichtsinnig über die unseren Körpern gegebenen Fähigkeiten denken dürfen.

Zurück zu der eigentlichen Frage: Welchen Teil des Fußes sollten wir nutzen, wenn wir uns drehen? Meine Antwort darauf ist, dass es im Grunde drei verschiedene Möglichkeiten gibt sich zu drehen und welche davon man nutzt, ist situationsabhängig. Eine der Situationen ist die Drehung auf der Stelle (siehe Grafik). Dance turnIn diesem Fall sollten Sie den Schwerpunkt durch ein Bein (das Standbein), die Hüften, den Oberkörper, den Schultergürtel und hoch bis zum Scheitel festlegen. Wenn Sie es schaffen all diese Körperbereiche so gerade wie möglich in einer Linie aufzubauen, wird Ihre Drehung geschmeidig und schnell sein. Diese Drehung wird u.a. oft beim Tanzen, Eiskunstlaufen und im Turnen verwendet. Eine solche Körperdrehung kann in einigen Kata wiedergefunden werden, wie z.B. Kanku Dai, Gankaku, Junro Yondan usw. Wenn Sie diese Kata kennen, dann wissen Sie an welchen Stellen man sich dort drehen sollte. In diesen Fällen sollten Sie die Stelle des Fußes verwenden, die sich unmittelbar unter dem Schienbein befindet. Schauen Sie sich nochmal die Abbildung des Fußes an.Foot bones

Sie könnten dem Irrglauben unterliegen, dass der Unterschenkel nur einen Knochen enthält, doch in Wirklichkeit besteht er aus zwei Knochen: Der Tibia (das Schienbein) und der Fibula (das Wadenbein). Die beiden Knochen sind notwendig, um den Fuß drehen und bewegen zu können, genau so wie auch der Unterarm aus zwei Knochen besteht, um die selben Bewegungen mit der Hand auszuführen. Der Abbildung kann man entnehmen, dass sie sich nicht direkt in der Mitte des Fußes befinden. Das Sprunggelenk ist die Stelle, an der diese Knochen verbunden sind und liegt näher an der Ferse, als an den Zehen. Wir können auch sehen, dass es am Fuß eine Krümmung gibt und dass der Fuß in der Mitte nach innen gewölbt ist. Das bedeutet, dass es keine herausragende Stelle unter dem Gelenk gibt, an der man sich drehen könnte. Das erschwert die Drehung an dieser dafür sehr passenden Stelle erheblich. Deshalb nutzen Tänzer die Ferse, oder, um genauer zu sein, das Fersenbein. Es ist jedoch schwierig das Gleichgewicht beizubehalten, wenn die Drehung sehr komplex ist, deshalb nutzen sie als Alternative den Fußballen, also den Bereich unter den dritten Zehengelenken. Das Drehen auf dem Fußballen erfordert viel mehr Präzision, doch wir haben das nötige Werkzeug (die Gelenke und Muskeln), um die Drehung und das Gleichgewicht an dieser Stelle kontrollieren zu können. Die Fläche des Fußballens ist relativ groß (siehe

Abbildung).

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Erfahrene professionelle Tänzer benutzen nur eine Stelle. Die beste Stelle befindet sich unter dem mittleren Zeh, wobei manche auch die Stelle unter dem großen Zeh wählen könnten, da das der stärkste Zeh ist. Die unerfahrenen Tänzer würden entlang des Fußes von einem Drehpunkt zum anderen wechseln, was in einer langsamen und unausgeglichenen Drehung resultiert.

Für eine Drehung auf der Stelle wäre der Bereich direkt unter dem Sprunggelenk am geeignetsten, da dieser Punkt ein gutes Gleichgewicht ermöglicht, welches in den einfachen Drehungen der meisten Kata benötigt wird. Nun, wir haben bereits festgestellt, dass diese Methode eine große Herausforderung darstellt, da sie die Schwierigste ist. Als beste Alternative würde ich dem Leser vorschlagen die Ferse zu benutzen. Dabei empfehle ich den Drehpunkt so nah wie möglich zum Sprunggelenk zu wählen.

Es tut mir Leid, dass ich mit der schwierigsten Technik angefangen habe. Es gibt noch zwei weitere Situationen, in den man sich drehen könnte. Sie sind einfacher und Sie nutzen diese wohl bereits. Um sich in einer Vorwärtsbewegung zu drehen (wie z.B. beim linken Gedan Barai nach dem ersten Kiai in Heian Shodan), nutzen sie wahrscheinlich den Fußballen. Wie ich es bereits vorhin erwähnte, ist die Fußmitte (drittes Zehengelenk) der beste für diese spezifische Bewegung geeignete Drehpunkt am Fuß.
In einem gewöhnlichen Shotokan Dojo wurde Ihnen vermutlich beigebracht den Oberkörper bei Wendungen aufrecht zu halten. Während Sie in Ihrem Training fort schritten, bemerkten Sie vielleicht, dass es besser ist den Körper ein wenig in die Richtung der Verlagerung zu lehnen. Dabei fiel Ihnen auf, dass Sie sich dann geschmeidiger und schneller bewegen können. Die erste Bewegung im Bassai Dai ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür. Obwohl eine zu starke Neigung kontraproduktiv sein könnte, sollten Sie leicht zur Drehrichtung neigen. Football turnLassen Sie uns zur Veranschaulichung die bereits oben erwähnte Bewegung nach dem ersten Kiai in Heian Shodan nehmen: Sie sollten sich leicht zur rechten Seite neigen, während Sie sich aus dem rechten Zenkutsu Dachi in den linken Zenkutsu Dachi mit Gedan Barai wenden.

Bei dieser Wendung könnten Sie einen anderen Teil des Fußes nutzen. Es ist vielleicht noch immer der Ballen, aber näher zur, oder sogar direkt an der Fußaußenkante. Diese Voraussetzung gilt auch in anderen sportlichen Aktivitäten, wie z.B. beim Rugby. Sehen Sie den Spieler auf dem Foto? Er neigt sich zur rechten Seite, während er eine schnelle Drehung nach rechts einleitet. Wenn Sie die rechte untere Ecke des Fotos vergrößern, können Sie erkennen, dass er sich auf dem Ballen und dem kleinen Zeh des rechten Fußes dreht. Rugby enthält in einem Spiel viel mehr komplexe Laufelemente und notwendige Fußbewegungen als Karate in einer Kata. Deshalb können wir uns keine solch starke Neigungen erlauben, aber das Konzept einer schnellen und flüssigen Drehung ist das Selbe. Es benötigt eine genaue Ausrichtung des Fußes im Verhältnis zum Bein. Vielleicht fragen Sie sich warum das so ist. Schauen Sie sich dazu die Darstellung der Beinskeletts an.Leg bones

Alleine nur um das Bein aufzurichten, müssten Sie auf die Hüfte, dann das Knie und das Sprunggelenk achten, kaum zu schweigen von den zahlreichen kleineren Gelenken im Fuß. Und das nur in einem Bein. In Ihrem ganzen Körper haben Sie sehr viele Gelenke in vielen Bereichen, doch lassen Sie uns jetzt nur auf den Bereich der Beine konzentrieren. Was ist bei einer guten Drehung entscheidend? Kurz gesagt: Je weniger Gelenke Sie bei der Ausrichtung des Körpers nutzen, desto besser können Sie Ihr Gleichgewicht halten und gleichmäßig drehen. Diese Logik ist wirklich nachvollziehbar und nicht kompliziert. Schauen wir uns einen Kreisel an, mit dem Sie sicherlich in der Kindheit gespielt haben: Er demonstriert eine wirklich schöne Drehung.

Wie Sie wissen, ist die Drehachse gerade und kurz. Aber stellen Sie sich nun vor, dass die Achse lang ist und aus mehreren Teilen, die nicht linear ausgerichtet sind, besteht. Und wie ist es wohl, wenn diese Teile nicht stabil miteinander verbunden sind? Kann so ein Kreisel sich drehen? 独楽So in der Art ist der menschliche Körper konstruiert. Nun wissen Sie, warum es uns so schwer fällt sich zu drehen. Schauen Sie sich nochmal die Abbildung des Fußes an und Sie werden bemerken, dass der Knochenaufbau der Ferse viel simpler ist. Der vordere Teil, zu dem die Zehen gehören, ist hingegen komplexer. Das ist natürlich, da wir normalerweise vorwärts gehen und eher selten rückwärts. Können wir eine Drehung nach vorne auf der Ferse ausführen? Ja, es ist möglich. Sie könnten sich viel sicherer fühlen, wenn Sie sich auf der Ferse drehen, doch eine Drehung auf dem Ballen ist viel schneller.

Welche ist nun die dritte Situation? Sie können sich wahrscheinlich bereits denken, dass es eine Drehung nach hinten ist. Erinnern Sie sich an die dritte Bewegung in Heian Shodan? Nach der zweiten Technik (rechter chudan Oi-Zuki) machen Sie mit dem rechten Bein einen Schritt nach hinten, um eine 180° Drehung auszuführen und im rechten Zenkutsu Dachi mit Gedan Barai zu stehen. Was denken Sie welchen Teil des Fußes Sie für diese Drehung nutzen würden? Ja, das war eine einfache Frage. Wahrscheinlich haben Sie da an die Ferse gedacht. Wenn Sie einen Schritt nach hinten machen, ist es für Sie natürlicher und einfacher den Schwerpunkt auf die Ferse zu verlegen. Ich möchte Ihnen aber einen Hinweis im Bezug auf die Nutzung der Ferse geben: Der Bereich der Ferse weist einen einfachen Knochenaufbau auf und ist eine Art Segen. Gleichzeitig könnte sie Ihre Drehung erschweren. Im Fersenbereich gibt es keine Gelenke und Bänder. Das bedeutet, dass Sie da nicht in der Lage sind die Bewegungen so fein abzustimmen, wie Sie es bei dem Fußballen tun. Um die Drehung auf der Ferse zu meistern, müssen Sie sehr viel trainieren und lernen, wie man während der Drehung stabil und ausgeglichen bleibt.

Asai demo jumpUm in der Lage zu sein in Ihrem Karate die kompliziertesten Drehungen auszuführen, sollten Sie alle drei Methoden der Drehung beherrschen. Eine Drehung mag einfach aussehen, doch der Mechanismus einer höchst effektiven Drehung ist es ganz sicherlich nicht. Eine gute Drehung, oder Wendung, ist in allen athletischen Spielen wichtig. Somit bin ich mir sicher, dass Sie mir zustimmen werden, dass es auch für Ihr Karate extrem wichtig ist, wenn Sie Ihre Technik perfektionieren möchten. Shotokan wird als eine geradlinige und direkte Kampfkunst bezeichnet. Wenn Sie sich Kihon anschauen, dann sieht es wirklich so aus, als wäre es linear, doch betrachtet man die Technik eines Shotokan-Experten, so wird deutlich, dass unser Karate voll von kreisförmigen Techniken und Körperbewegungen ist. Asai-Ryu Karate ist ein großartiges Beispiel dafür, da es viele Tenshin-Techniken (Drehbewegungen) einsetzt.

Habe ich Ihnen zu viel Information geliefert? Vielleicht. Es wird für Sie jedoch mehr Sinn ergeben, wenn Sie diesen Artikel mehrmals durchlesen. Sie könnten denken, dass diese Information nur für Fortgeschrittene, oder gar Lehrer aufgeschrieben wurde. Nun, obwohl ich mir wünschte, dass die Lehrer diesen Text lesen, habe ich beim Schreiben auch an Anfänger und Fortgeschrittene gedacht. Für Anfänger ist es besser die Techniken so früh wie möglich in ihrem Training richtig zu erlernen. Wie Sie wissen ist es sehr schwer eine Angewohnheit zu ändern, wenn sie einmal verinnerlicht wurde. Die Fähigkeit sich richtig zu drehen ist viel wichtiger, als viele Übende es ihr beimessen. Ist eine hervorragende Fähigkeit sich zu drehen nicht wichtig und nötig, wenn Sie Basketball, Fußball, oder Tennis spielen? Wenn ja, warum dann nicht auch im Karate? Um Ihr Karate zu verbessern, wissen Sie, dass sie alle drei K-Elemente üben sollten: Kihon, Kata und Kumite. Unabhängig davon, welches dieser K-Elemente Sie gerade üben, ist eine der entscheidenden Voraussetzungen für Ihre Verbesserung, das Meistern aller drei Methoden der Drehung. Ich wünsche Ihnen ein gutes Training!

Brauchen wir große Knöchel an den Fäusten? 拳ダコは必要か?

 

Kendako 3Die großen Knöchel, die ein Karateka an seinen Händen entwickelt, heißen auf japanisch „ken-dako, 拳ダコ“. Meistens entwickeln sie sich am Zeige- und Mittelfinger. Typischerweise geben junge Karateka voller Stolz mit ihren wulstigen und verfärbten Knöcheln an, als Beweis für ihr „hartes“ Training. Es ähnelt fast schon wie einer Kriegsmedaille, oder einem qualifizierenden Abzeichen. Wir wissen alle, wie diese großen Knöchel entstanden sind: Sie wurden groß, indem man tausende Male auf ein Karate-Trainingsgerät, das man „Makiwara“ nennt, einschlug. Die Frage, mit der ich mich heute beschäftige ist die, ob diese großen Knöchel wirklich notwendig für einen Karateka sind, damit er als Experte angesehen werden kann. Die Gedanken, die ich mit Ihnen teile, sind voll und ganz meine persönliche Meinung. Ich behaupte nicht, dass das, was ich vorschlage, richtig ist, aber zu dem Thema habe ich eine feste Überzeugung.

Das Makiwara ist zu einem kultigen Trainingsgegenstand im Karate geworden. Er erscheint so, als müsste jedes Dojo ein Makiwara besitzen, um dessen Legitimität zu beweisen. Die meisten Sensei der Dojos, die ich besuchte, zeigten mir fast immer und voller Enthusiasmus ihre Makiwaras. Das Makiwara gibt es in verschiedenen Höhen, Dicken und vielen unterschiedlichen Arten. Ich hatte bereits ein Kapitel zum Training am Makiwara in meinem Buch „Shotokan Myths“ geschrieben. Wenn Sie an diesem Thema interessiert sind, dann schauen Sie sich bitte Kapitel 4 in meinem Buch an (dieses gibt es bei Amazon und für das Kindle zu erwerben). Tatsächlich muss ich sagen, dass das Makiwaratraining eins der beliebtesten Themen bei Diskussionen unter den Karateka ist. Ich bin einer der Haupt-Mitwirkenden bei Karate Coaching (www.karatecoaching.com), dem umfangreichsten Online-Karateunterricht Dienstanbieter auf der ganzen Welt. Der Editor dieser Seite sagte mir, dass mein Video mit dem Training am Makiwara die meiste Aufmerksamkeit erhielt.

 

Makiwara FunakoshiIm Fazit von Kapitel 4 in Shotokan Myths schrieb ich, dass die älteren Yudansha vom Makiwaratraining „graduieren“ sollten, um zur nächsten Stufe ihres Trainings fortschreiten zu können. Ich wollte schon schreiben, dass ältere Karateka ganz vom Makiwara absehen sollten, entschied mich aber es nicht zu tun. Ich fürchtete, dass die wahre Botschaft einer solchen Aussage missverstanden wird. Es stimmt, dass viele ältere Instruktoren, darunter auch weltbekannte, auf das Makiwara schwören. Zu diesen Instruktoren zählen z.B. Gichin Funakoshi, Begründer vom Shotokan, Mas Oyama, Begründer des Kyokushinkai, Tetsuhiko Asai, Begründer vom Asai-Ryu und Morio Higaonna, 10. Dan im Goju Ryu. Es ist auch bekannt, dass die Meister Oyama und Higaonna beide riesige Knöchel haben. Ich bin nicht komplett gegen das Makiwaratraining. Diese Meister sind Profis und Karate-Experte, also passen diese Knöchel sehr gut zu ihnen und da ist auch nichts Falsches dran.hitting stone

Auch nach diesen Worten würde ich auf die Frage, ob wir große Knöchel brauchen, immer noch mit „nein“ antworten. Sicherlich werden sich viele Leser fragen, warum ich das sage. Möglicherweise werden viele von euch behaupten, dass die großen Knöchel bei einem Übenden die Effektivität (Durchschlagskraft) seiner Fäuste steigern. Ein Karateka sagte mal zu mir: „Sensei, eine Faust mit großen Knöcheln ist so, als hätte man eine 44er Magnum Pistole. Wenn Sie untrainierte Fäuste haben, können Sie keine zehn Ziegelsteine (bzw. Dachziegeln) zerbrechen. Eine Faust mit kleinen Knöcheln wäre wie eine 22er Pistole.“ Und obwohl ich mir nicht sicher bin, ob die Analogie so korrekt ist, würde ich im Großen und Ganzen dem, was er mir damit sagen wollte, zustimmen. Selbst dann würde ich immer noch sagen, dass man keine großen Knöchel braucht, um als fortgeschrittener Karateka qualifiziert zu sein. In einer Gefahrensituation braucht man nicht mehr als eine 22er Pistole, um den Angreifer zu töten.

Lassen Sie mich erklären, warum ich all dies behaupte:

  • Der größte Mythos, der mit großen Knöcheln in Verbindung gesetzt wird, ist folgender: Die Fäuste werden so lange abgehärtet, bis sie in der Lage sind jeden Gegner auszuschalten. Jedoch muss ich sagen, dass eine große Faust nicht notwendigerweise in einem angsteinflößenden und zerstörerischen Schlag resultiert. In dem Fall mit einer Magnum Pistole ist eine gewaltige Feuerkraft garantiert, ganz egal wer mit dieser schießt, Sie dürfen jedoch nicht vergessen, dass ein Schuss aus der Pistole und ein Schlag ganz unterschiedliche Dinge sind. Um einen kraftvollen und effektiven Schlag auszuführen, muss man zuerst lernen wie man richtig schlägt. Eine große und abgehärtete Faust kann ein gutes Werkzeug sein, oder zumindest zur Abschreckung nützen, jedoch sollte sie zumindest mit einer guten Technik gestützt werden, um den Schlag überhaupt effektiv zu machen. Wenn Ihr Schlag langsam, oder schlecht ausgeführt ist, dann spielt die Größe, oder Härte Ihrer Faust auch keine Rolle. Wenn Sie etwas zur Selbstverteidigung brauchen, dann ist es vielleicht sinnvoller für Sie einen Baseballschläger, oder Stock bei sich zu tragen. Wenn Sie ein professioneller Karateka sind, der in der Lage ist vier Stunden am Tag zu trainieren, dann dürfte es für Sie sicherlich kein Problem sein für 15 Minuten, oder länger ein Makiwara zu schlagen. Jedoch gehe ich davon aus, dass die meisten Leser nur zwei bis drei mal die Woche und nur jeweils 90 Minuten, oder weniger trainieren können. In so einem Fall würde ich ungern sehen, wie der Übende seine Zeit mit dem Schlagen eines Makiwara verschwendet. Glauben Sie nicht auch, dass es viel besser für Ihr Karate wäre, diese Zeit in Kihon, oder Kata zu investieren?
  • Zweitens glaube ich nicht, dass das Angeben mit den deformierten Knöcheln, mit einem der wichtigen Werte im Karate einhergeht: Der Bescheidenheit. Das ist genauso, wie die Tatsache, dass man in der Öffentlichkeit nicht mit seinem Schwarzgurt angibt. Als ich auf einer Geschäftsbesprechung in Japan war, habe ich meine Hände versteckt, oder so positioniert, dass man die verfärbten Knöchel nicht sehen konnte. Es lag nicht daran, dass die Fäuste mir peinlich waren, oder ich mich für mein Karatetraining schämte. In Japan würde jeder sofort wissen, was der Zustand meiner Fäuste bedeutete und ich wollte niemanden einschüchtern. Man könnte meinen, dass ich übertreibe, aber es wäre das selbe gewesen, als hätte ich ein Messer auf den Verhandlungstisch gelegt. Ich denke nicht, dass die Ansicht der großen Fäuste einem nicht-Karateka viel Vergnügen bereiten würde.
  • Der dritte Grund ist der wichtigste: Während wir auf unserer Erfahrungsstufe im Karate vorrücken, sollten wir offensichtliche und grobe Schläge hinter uns lassen und uns den fortgeschrittenen Techniken zuwenden. Diese sind weniger sichtbar, eher stechender und tippender Natur und auf auf die Kyusho, die entscheidenden Körperregionen, gezielt. Solche Kyusho, wie die Augen, Hals, Ohren und die Leistengegend, sind normalerweise weich und harte Fäuste sind da nicht notwendig, um einen effektiven Angriff durchzuführen. Bei diesen Zielen ist eine Faust, eine Messerhand, die Fingerspitzen und das Handgelenk alle effektiv, selbst wenn sie nicht abgehärtet sind. Außerdem werden Sie es nicht mehr nötig haben Ihre Faust in den Gegner zu rammen, um ihn auszuschalten, wenn Sie die ein-Zoll-Schlagtechnik beherrschen. Natürlich ist das eine ultimative Technik, jedoch keine Zauberei – jeder kann sie erlernen.
  • Ein weiterer Grund, warum ich davon abrate große Knöchel zu entwickeln, sind die möglichen gesundheitlichen Folgen. Ich befürchte, dass die deformierten Knöcheln zu Arthritis führen könnten, wenn der Übende älter wird. Ich habe jedoch weder medizinische Erfahrung, noch wissenschaftliche Befunde dazu, deshalb würde ich mich über die Beiträge der Leser zu diesem Thema freuen.
  • Zu guter Letzt bin ich so etwas wie ein Romantiker. Um ehrlich zu sein, mag ich es überhaupt wenn diese deformierten Hände aussehen wie bei einem Zombie (siehe das Foto unten). Das ist überhaupt nicht schön und ich finde es abscheulich. Zuvor habe ich erklärt, das abgehärtete Fäuste nicht notwendig seien, um einen effektiven Schlag ausführen zu können. Warum würde also jemand so etwas mit seinen Händen machen wollen?

 

Kendako 2

Karate ist eine Kunstart der Gentlemen und das ist genau das, was Funakoshi wollte. Aus den oben aufgeführten Gründen bin ich fest davon überzeugt, dass die hässlichen Fäuste nicht in die Kunst des Karate-Do passen.

Das sind meine persönlichen Gefühle und Überzeugungen im Bezug auf das Kendako. Sie sind herzlich dazu eingeladen Ihre eigene Meinung dazu zu äußern.

 

 

 

Was bedeutet „Oss“? 「押忍」ってどんな意味?

 

Heute gibt es eine weitere Lektion über die japanische Kultur. Um die Grundlage dieses, in vielen Dojos sehr populären, Wortes besser verstehen zu können, werden wir die selbe Methode des Auseinandernehmens eines jeden Kanji anwenden, wie schon zuvor bei den Wörtern Sensei und Senpai. Dann werde ich den interessanten kulturellen Aspekt dieses einzigartigen Wortes beleuchten.

Osu KanjiDieses Wort wird auf mehrere verschiedene Weisen ausgesprochen und geschrieben. Viele schreiben „Osu“, oder „Oss“, einige sprechen es wie „Ous“ aus. Ich bevorzuge die Schreibweise „Ossu“. Es sind lediglich unterschiedliche Aussprachen und alle davon sind „richtig“.

Das „o“ aus „oss“ wird mit dem Zeichengeschrieben und bedeutet „sich bemühen“, oder „unterdrücken“. Den Teil „ss“, oder „su“ schreibt man mit dem Kanji , was „durchhalten“, oder „fortdauern“ heißt. Deswegen symbolisieren beide Zeichen zusammen (押忍) die Einstellung, dass man die eigenen Emotionen unterdrückt und ein hartes Training, die Pflicht und ermüdende Qual durchhält. Dieses Wort wird üblicherweise von Budoka genutzt, die Karate, Judo, oder Kendo ausüben. Es wird aber auch von Athleten der Sportarten genutzt, die eher als aggressiv und machohaft angesehen werden, wie z.B. Baseball, Rugby usw.

Es wird in Japan auch typischerweise von männlichen Sportlern genutzt. Das kommt daher, dass „osu“ auch mit dem Zeichengeschrieben werden kann, welches „männlich“ bedeutet, und viele japanische Frauen fühlen sich unwohl, wenn sie „osu“ sagen. In vielen Dojos ist es ihnen erlaubt und wird sogar befürwortet, dass sie anstatt „osu“ die normalen Begrüßungen verwenden und mit „ja“ und „nein“ auf die Fragen ihrer Sensei, Senpai und Kollegen antworten. Genau wie Judo und Karate weltweit bekannt geworden sind, so ist es auch das Wort „oss/osu“. Die kulturelle Bedeutung dieses maskulin-orientierten Wortes migrierte jedoch nicht, weshalb viele westliche Frauen es trotzdem verwenden.

Lassen Sie uns die Geschichte anschauen. Überraschenderweise ist die genaue Herkunft unbekannt, es gibt jedoch mehrere Theorien. Zwei davon möchte ich mit Ihnen teilen.

Eine Theorie besagt, dass dieses Wort erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts von der Kaiserlichen Japanischen Marine eingeführt wurde, um den Kampfgeist der Soldaten zu stärken. Und zwar soll es folgendermaßen passiert sein: Auf japanisch heißt „guten Morgen“ „ohayo gozai masu“. Die Soldaten wurden darauf trainiert bei der Marine immer alles in Eile zu tun, auch das Grüßen und Antworten. Deshalb wird vermutet, dass die Begrüßung „ohayo gozai masu“ nur noch mit einem „o“ und „su“ abgekürzt wurde und damit zum „osu“ verschmolz. Die Begrüßungen am Nachmittag und Abend sind natürlich anders, jedoch wurde „osu“ zu einem universellen Grußwort und einer Antwort, unabhängig davon, ob diese „ja“, oder „nein“ lautete.

Hagakure cover 2Eine andere Theorie besagt, dass dieses Wort von den Samurai des Saga-Klans (佐賀藩 auf der Kyushu-Insel) erfunden wurde. Der berühmte Autor des Hagakure (葉隠), Yamamoto Tsunetomo (山本常朝 1659 – 1719) wurde in diesen Klan, wo der Bushido sehr stark und streng ausgeübt wurde, hinein geboren. Vermutlich haben die jungen Samurai des Saga-Klans im 18. und 19. Jahrhundert „osu“ als Begrüßung am Morgen verwendet.

Wenn Sie mehr über Yamamoto Tsunetomo erfahren möchte, dann schauen sie sich seine Biografie auf Wikipedia an: http://en.wikipedia.org/wiki/Yamamoto_Tsunetomo

Das Hagakure wurde von vielen Samurai als geistige Leitschrift auf dem wahren Bushido angesehen. Wenn Sie noch nie etwas darüber gehört haben, können Sie auch das auf Wikipedia nachlesen: http://en.wikipedia.org/wiki/Hagakure

Viele Leute fragen mich, warum es nur eine Antwort „osu“, sowohl für das „Ja“, als auch für das „Nein“ gibt. Um das zu verstehen, sollten Sie zunächst die Kultur des Bushido und der japanischen Kampfkünste kennen. Das Rückgrat des Bushido ist der totale Gehorsam. Lesen Sie das Hagakure und Sie werden es verstehen, unabhängig davon, ob Sie mit dem grundlegenden Konzept des Gehorsams einverstanden sind, oder nicht. Hier im Westen, wenn ein Lehrer sagt „spring!“, wird der Schüler sich eher fragen „warum?“, oder es gar nicht tun. Natürlich könnten einige fragen „wie hoch?“. In einem japanischen Dojo würden alles Schüler ohne Fragen und Widerworte „osu!“ rufen und springen. Die Antwort „nein“ wird in einem japanischen Dojo also gar nicht gebraucht. Ich bin mir sicher, dass viele Westler dieses Verhalten als unklug, oder sogar dumm und gehirngewaschen betrachten würden. Jedoch möchte ich betonen, dass der Sinn des Vergleiches der beiden unterschiedlichen Kulturen nicht darin liegt zu beurteilen, welche von ihnen die Bessere sei, sondern lediglich um die Unterschiede zu veranschaulichen, damit die Leser ein klareres Bild davon erhalten könnten.

Ich hoffe, dass Sie nun ein besseres Verständnis davon haben, was das Wort „osu“ bedeutet und woher es kommen könnte. Ich hoffe auch, dass Sie dieses Wort nun mehr schätzen und gewissenhafter in dessen Verwendung sein werden.

 

Kuro Obi 黒帯 (Schwarzgurt)

Ich bin mir sicher, dass wenn Sie das Wort „Schwarzgurt“ hören, es für Sie mehr bedeutet, als nur einen schwarzfarbenen Gürtel. Für einen Karateka bedeutet es seinen Stolz und viele Jahre des harten Trainings. Für jemanden, der keine Ahnung vom Karate hat, bedeutet es häufig die Expertise in Karate, oder dass die Person gefährlich ist, was wir amüsant finden.Kuro Obi

Wegen des Filmes „Kuro Obi“ hat dieser japanische Begriff bei vielen Übenden stark an Bekanntheit gewonnen. Dieser Film war zwar nicht auf einem Hollywood-Niveau, aber ein japanischer Lehrer der JKA, Naka-Sensei, hat dort mitgespielt. Ich finde es interessant einen echten Shotokan-Ausbilder in einem Karate-Film zu sehen. Unter dem folgenden Link können Sie sich den ganzen Film anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=urQQBsoTjfw

 

Welche Farbe Ihr Gürtel auch haben mag, so tragen Sie ihn bestimmt bei jedem Training. Die Gürtel machen einen großen Teil unseres Karatetrainings aus, dennoch gibt es viele Fakten dazu, die Sie nicht kennen könnten. Vielleicht hatten Sie sich in der Vergangenheit für die Gürtel interessiert, vielleicht tun Sie das heute immer noch. Die Themen in diesem Artikel sind, mehr oder weniger, trivial im Bezug auf das Karate, aber ich finde sie trotzdem interessant. Zu einem gewissen Ausmaß ist es für uns alle wichtig bestimmte Sachen zu wissen und zu schätzen. Aus diesem Grund hoffe ich, dass dieser Artikel Ihnen helfen wird das Karate und dessen Kultur besser zu verstehen.

Der Dan-Grad und das Schwarzgurt-System im Karate ist an sich ein interessantes und rätselhaftes Thema. Wir sollten uns die Geschichte anschauen, um zu verstehen, wo dieses System ihre Ursprünge hat. Viele Leser dürften bereits wissen, dass es im okinawanischen Karate, welches von Meister Funakoshi in Japan eingeführt wurde, keine Gürtelsysteme gab. Wussten Sie, dass Funakoshi dieses System aus dem Judo übernahm? Der Erfinder von Judo, Jigoro Kano (1860 – 1938), war ein sehr gebildeter Mann und außerdem sehr talentiert und erfolgreich auf geschäftlichem und akademischem Gebiet.Jigoro Kano
Zum Beispiel gründete er 1882 die Kampfkunst Judo und in kürzester Zeit erreichte sein Dojo eine Mitgliederzahl von mehreren tausend Menschen. Er war auch einer der ersten Repräsentanten des olympischen Komitees in Japan. Ich vermute, dass er das Dan-System etwa zu der selben Zeit erfand, in der er Judo aus Jujitsu entwickelte. Wie Sie bereits wissen dürften, hatten das Judo und Kano Jigoro einen großen Einfluss auf das Shotokan-Karate in der anfänglichen Phase von Funakoshis Unterricht in Tokio. Ob Sie es glauben, oder nicht, aber selbst der Name „Shotokan“ zeigt diesen Einfluss. Der Name des Judo-Hauptquartiers war Kodokan und in der Welt der Kampfkünstler des damaligen Tokios war dies ein sehr respektabler Name. Somit übernahm Funakoshi das Zeichen für „Kan“ (館: Halle, Gebäude) in Shotokan, vielleicht weil er hoffte, dass sein Dojo genauso groß werden würde wie das Kodokan. Es gibt noch einen Grund, warum Funakoshi den Namen Shotokan wählte: Er glaubte an EIN Karate und wollte keine eigene Stilrichtung (Ryu) gründen. Im Judo gab es nur eine Organisation, das Kodokan, und das gefiel ihm. Er wollte genau die selbe Entwicklung auch im Karate sehen, deshalb wählte er den Namen Shotokan und weigerte sich „Ryu“ zu verwenden. Aus diesem Grund hat das Shotokan kein Ryu am Ende, wie z.B. das Shito-Ryu, oder das Goju-Ryu. Neuerdings bezeichnen einige Leute (aus Unwissenheit, fürchte ich) unser Karate als Shotokan-Ryu, und ich glaube nicht, dass Meister Funakoshi dies begrüßen würde.

Hier ist ein Link zur Wikipedia-Seite über Jigoro Kano, für den Fall, dass Sie mehr über das Leben dieses interessanten Mannes erfahren möchten: http://en.wikipedia.org/wiki/Jigoro_Kano
OK, zurück zum Kuro Obi. Funakoshi hatte die ersten Dan-Urkunden an einige seiner Schüler 1924 vergeben, zwei Jahre nachdem er nach Tokio migrierte.Red & White Belt In der Anfangsphase des Shotokan-Karate war die höchste Stufe, die man erreichen konnte, der Godan (5. Dan), da man es der Regelung in Judo gleich tat. Da die Mitgliederzahl von Judo wuchs, erweiterte der Kodokan die höchst erreichbare Stufe auf den 10. Dan. Karate folgte diesem Beispiel, deshalb haben auch wir heute den 10. Dan im Shotokan. In manchen Karatestilen besitzt der Träger eines höheren Dans einen anderen farbigen Gürtel. Ein Übender mit dem 6., 7., oder 8. Dan müsste einen rot-weißen Gürtel tragen. Beim 9. und 10. Dan dürfte man einen roten Gürtel tragen. Auch diese Gürtel sind eine Imitation des Gürtelsystems im Judo. Offensichtlich mochte Funakoshi dieses Konzept nicht, also übernahm er diesen nicht. Shotokan-Übende tragen bei allen Dan-Graden einen schwarzen Gürtel.

belt with stripes
In manchen Stilen werden auf den schwarzen Gürtel Streifen gestrickt, um zu zeigen, welchen Dan man trägt. Es stimmt schon, dass man nicht sagen kann, welchen Dan jemand inne hat, wenn der Gürtel einfach nur schwarz ist. Ich persönlich mag aber diese Idee der Dan-Vorführung nicht. Ich möchte die anderen Stile damit nicht kritisieren, aber es gefällt mir nicht. Viel mehr gefällt mir die Vorstellung davon, dass ein schwarzer Gürtel mit der Zeit vom vielen Tragen wieder weiß wird. Ich bin stolz darauf einen alten Gürtel zu tragen, da dieser mich in meinen Trainingsalltag viele Jahre stets begleitete. Manchmal begegne ich Shotokan-Übenden, die auf ihren Gürteln Streifen tragen. Bestimmt haben sie keine Ahnung von unserer Tradition. Ich möchte deshalb nochmal betonen, dass es zur Shotokan-Tradition gehört einen einfachen schwarzen Gürtel zu tragen.Old belt
Kendo ist eine weitere Kampfkunst, die ein Dan-Graduierungssystem besitzt, das mal bis zum 10. Dan reichte. Interessanterweise hat die All Japan Kendo Federation im Jahre 2000 beschlossen den 9. und 10. Dan aus dem Programm zu nehmen, sodass der 8. Dan nun die höchst erreichbare Stufe im Kendo ist.

Als nächstes möchte ich ein Thema ansprechen, das speziell mit dem Karate Dan-System zu tun hat und, meiner Meinung nach, viel Beachtung verdient. Es ist etwas, dass Sie alle gut kennen, was aber öffentlich bisher nicht diskutiert wurde:
In vielen Sportarten und Sportveranstaltungen gibt es eigene Graduierungssysteme. Zum Beispiel gibt es im Boxen die Unterteilung in verschiedene Gewichtsklassen und jede Klasse hat ihre Spitzenboxer. Mir ist bekannt, dass es verschiedene Organisationen, wie die WBC, WBA, WBO usw. gibt und jede davon ihre eigenen Ränge hat, aber ich werde heute nicht explizit darauf eingehen. Was ich betonen möchte ist, dass die Ränge im Boxen flexibel sind und nicht auf lange Dauer gehalten werden können. Mit anderen Worten ist Ihr Rang, sei es der Erste (Meister), oder Hundertste nicht dauerhaft (wobei man einen historischen Rekord aufstellen kann, indem man diesen Rang langfristig aufrecht erhält). Man sinkt im Rang, wenn man einen Kampf verliert und verschwindet komplett aus der Liste, wenn man sich aus der Szene zurück zieht. Im Karate und anderen Kampfkünsten ist das nicht so. Sobald ein Dan-Grad verliehen wird, wird der Übende diesen für immer behalten. Er kann erhöht werden, aber nie gesenkt. Ich bin mir aber dessen bewusst, dass die Ränge in Sportarten wie Boxen und Tennis ein anderes Ziel verfolgen, als die Dan-Grade in den Kampfkünsten. Tatsächlich hat Judo nun ein Wettkampf-Rangsystem, das „World Ranking“ (von der IJF) genannt wird und nichts mit dem Dan-System zu tun hat. Ich denke, dass ein Dan-Grad in dem Glauben verliehen wird, dass der Übende sein Training fortsetzt und seine Fähigkeiten nicht verliert. Es wird sogar von ihm erwartet. Die Traurige Wahrheit ist aber, dass viele Graduierte ihr Training nicht fortsetzen und aufhören. Nur eine Handvoll macht weiter und trainiert das ganze Leben über. Dazu kommt, dass ab einem bestimmten Alter der Übende seinen Höhepunkt der physischen Fähigkeiten erreicht hat und diese danach abnehmen, selbst wenn er weiterhin trainiert. Das Erhalten eines Dan-Grades ist eine ehrenvolle Sache und wir sollten stolz darauf sein. Gleichzeitig glaube ich, dass der damit verbundene Anstand und das Wesentliche dieser Grade vorhanden sein muss, damit diese für uns wirklich etwas bedeuten. Es ist eine Schande, aber es gibt heutzutage zu viele Schwindler mit selbst verliehenen Dan-Graden. Ich kann wirklich gut verstehen, warum Funakoshi-Sensei sich weigerte irgendwelche Dan-Grade verliehen zu bekommen.

Lassen Sie uns nun einem anderen interessanten Thema zuwenden. Haben Sie sich schon mal gefragt, warum die Kyu-Grade mit dem 8. anfangen (in manchen Dojos mit dem 10.) und mit dem Fortschritt des Übenden bis hin zum 1. Kyu reduziert werden? Sobald Sie den Shodan (ersten Schwarzgurt) erhalten, erhöht sich der Rang dann mit jeder neuen Stufe. Als ich dem JKA vor 50 Jahren beitrat, hatte ich mich gewundert, warum ich nicht mit dem 1. Kyu begann. Ich fragte mich, warum das Kyu-System nicht in heraufsteigender Reihenfolge gestaltet wurde, wie das Dan-System, konnte meine Lehrer so etwas aber natürlich nicht fragen. Viele Jahre später fand ich heraus, dass das Kyu-System absichtlich so gestaltet wurde. Lassen Sie mich die Logik dahinter mit Ihnen teilen und vielleicht werden sie es dann auch verstehen:
Die grundsätzliche Idee vom Karate besteht darin, dass man von einem Schüler nicht erwartet mit dem echten Karate-Training zu beginnen, bis er den Shodan erreicht hat. Manche von Ihnen dürften den Brauch kennen, wo ein neuer Shodan für einen gewissen Zeitraum einen Weißgurt tragen muss (etwa einen Monat lang). Dieser Brauch soll dem frischen Shodan zeigen, dass er nun am Anfang des echten Karate-Trainings steht, wo er anfängt das wahre Karatedo zu erfahren. Bis dahin ist das Ziel des Übenden das Fundament zu gründen und gleichzeitig schlechte Angewohnheiten, oder die „natürlichen“ Körperbewegungen aus dem Karate auszumerzen.

Das dürfte ein kompliziertes Konzept zu sein, aber es ist ein sehr wichtiges. Mit anderen Worten lernt der Übende die grundlegenden Wege und Bedingungen des Karate, die nötig dafür sind, um die echten Karate-Techniken zu erlernen.
Wenn Sie zum Beispiel eine Person auf der Straße darum bitte eine Faust zu formen, wird sie wahrscheinlich etwas machen, was wie eine Karate-Faust (Seiken正拳) aussieht. Wenn Sie sie aber fragen, wie eine offene Hand aussieht, dann zeigt sie Ihnen eher das, was Sie auf Abb. 6 sehen können,

Open handOpen hand 2

 

 

 

 

Abb. 6                                                                                                                                 Abb. 7

nämlich eine offene Hand in ihrer natürlichen Haltung. Dann bitten Sie die Person die Finger zu schließen und sie formt wahrscheinlich das, was auf Abbildung 7 gezeigt ist, jedoch nie Shuto (手刀, Schwerthand, Abbildung 8)

Shuto hand

Abb. 8

Man braucht etwas Unterricht, um eine Shuto-Hand formen zu können. Und es werden zahlreiche Wiederholungen benötigt, bis Sie die natürlichen Haltungen „vergessen“ und die Shuto-Hand als „natürlich“ adaptiert haben.

Dies ist nur ein einfaches Beispiel und der Umfang der Vorbereitung (das Vergessen natürlicher Wege) beinhaltet all die Stände, Körperbewegungen, Haltungen, Atemmethoden, Beinstärke, Kiai, sowie die Dojo-Etikette, nur um einige weitere Beispiele zu nennen. All dieses Wissen und die Techniken werden tatsächlich benötigt, bevor der Übende mit dem Karatetraining „beginnen“ kann. In einer „perfekten Welt“, sollte er diese Voraussetzungen im Voraus gelernt haben müssen, doch in der Realität werden sie parallel zum Karate-Training erworben. Deswegen beginnen Sie mit dem 8. Kyu und arbeiten sich hoch zum 1. Kyu, während Sie sich auf das wahre Training vorbereiten.
BeltDisplayAnderes Thema: Wie wir alle wissen, beginnt der Anfänger mit dem weißen Gürtel. Bevor er den Schwarzgurt erreicht, gibt es viele verschiedene Farben, die er zuerst tragen muss, wie z.B. gelb, blau, grün etc. Als ich mit dem Karatetraining Anfang der 60-er Jahre begann, gab es nur zwei Farben vor dem Schwarzgurt: Weiß und Braun. Wenn ich mich recht erinnere, fing ich mit dem Mu-Kyu (kein Kyu) an und erhielt nach der ersten Prüfung den 6. Kyu. Wir trugen alle Weiß, bevor wir den 3. Kyu (Braungurt) erreichten. Nun fangen die meisten Dojos mit dem 8., oder 10. Kyu an. Manche Dojos verteilen sogar Streifen, um einen halben Fortschritt auf dem Weg zum nächsten Kyu zu symbolisieren. In einem Dojo sagte mir der Hauptinstrukteur, dass er nie einen Schüler um einen ganzen Kyu aufsteigen lassen würde. Nach der ersten Prüfung würde der Übende den 10,5. Kyu erhalten. Mit diesem System müsste der Schüler 20 Prüfungen absolvieren, bis er den 1. Kyu erhalten und sich für den Shodan vorbereiten dürfte. Ich hatte mir die Bemerkung bei diesem Instrukteur verkniffen (zum Glück war und ist er nicht in dem selben Verband wie ich), da er Karate als reines Geschäft betrachtete. Ich möchte hier nicht darüber urteilen, dass man Karate in ein Geschäft verwandelt, aber ich persönlich würde meine Söhne nicht in dieses Dojo schicken. Jeder Schüler unterscheidet sich in seiner Entwicklung und der Lerngeschwindigkeit. Auch wenn es nicht so gut für das Geschäft wäre, aber ich würde ungern zu viele Prüfungen anbieten, um an noch mehr Geld der Schüler (oder ihrer Eltern) zu kommen.

Eine weitere Frage, die ich oft erhalte, betrifft die Reihenfolge der Gürtelfarben. Ist diese festgelegt nach einem universellen Prinzip? Die schnelle Antwort ist „nein“. Die Grundidee ist, dass man mit Weiß anfängt (keine Farbe) und der Gürtel wird dann immer dunkler Richtung Schwarz. In vielen Schulen ist die nächste Farbe nach Weiß entweder Gelb, oder Hellblau, was meiner Meinung nach Sinn macht. Wie dem auch sei, manche Dojos fangen mit der Farbe rot für den 8. und 10. Kyu an.
Es ist zwar eine dunklere Farbe, aber das ist beabsichtigt. Wie wir wissen ist die Ausfallrate beim Weißgurt am höchsten. Die Lehrer glauben, dass die rote Farbe die Schüler mehr motivieren könnte, als weiß, oder blau und sie dann länger im Training bleiben würden. Das mag stimmen und es wäre eine weitere Geschäftsidee, für die der Leiter des Dojos sich entscheiden könnte. Red beltÜbrigens finde ich das interessant, da im Judo und einigen Karateverbänden der rote Gürtel erst ab dem 9. und 10. Dan erlaubt ist. In unserem Verband gibt es eine Richtlinie für die Farben, die mit dem Kyu-System in Verbindung steht, aber sie ist nicht verpflichtend. Wir lassen die Dojo-Mitglieder entscheiden, welche Reihenfolge sie für die Kyu-Grade bevorzugen würden.

Eine weitere beliebte Frage ist: Wenn man eine längere Zeit (ein Jahr, oder länger) abwesend vom Training war, z.B. wegen einer Krankheit, fragt man sich, ob man den Schwarzgurt überhaupt noch verdient. Man ist sich nicht sicher, welche Farbe man tragen sollte, wenn man wieder zurück in das Dojo kehrt. Es gibt keine allgemeingültige Regel für solche Fälle und wie man so eine Situation angeht, hängt von den Regeln des individuellen Dojos ab. In vielen Schulen und Verbänden hat man kein Problem damit, wenn ein Übender einen Schwarzgurt trägt, auch wenn er lange nicht beim Training war. In einigen Dojos gibt es die Regelung, dass ein Übender, der nach längerer Pause zurückkehrt, für einen gewissen Zeitraum den Weißgurt trägt. Die Länge dieses Zeitraumes variiert ebenfalls und auch hier hängt es von den Verbandsregeln ab.

Wenn Sie einen Schwarzgurt tragen und heute zum ersten Mal nach langer Abwesenheit wieder zurück zum Training kehren, welchen Gürtel sollten Sie dann tragen? Fragen Sie sich selbst, ob Sie heute eine genauso gute Leistung erbringen könnten, wie vor der Pause. Wenn Sie besonders begabt sind, oder sehr selbstsicher, dann können Sie ruhig ihren Kuro-Obi tragen. Wenn Sie aber eine durchschnittliche Person sind, dann werden sie sich wahrscheinlich weniger sicher und koordiniert fühlen und aus der Form sein. Sie könnten sogar einige Kata vergessen haben. Wenn das der Fall ist, warum dann nicht einen Weißgurt tragen? Oder würden Ihr Stolz und Ego das nicht erlauben? Ich würde lieber wie ein großartiger Weißgurt, als ein miserabler Schwarzgurt dastehen. Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass die Gürtelfarbe Sie bei Ihrem Karate nicht unterstützt. Der Gürtel lässt Sie nicht besser, oder schlechter aussehen, warum also nicht für einige Monate einen Weißgurt tragen, bis Sie Ihre Koordination, Ausdauer usw. wieder erlangen? Die Dauer des Tragens eines Weißgurtes hängt einerseits von der Dauer der Abwesenheit des Übenden ab, aber auch von seiner Fähigkeit wieder auf das Schwarzgurt-Niveau zu kommen. Es könnte nur einige Monate bis zu hin zu einem halben Jahr dauern. Das hängt alles vom Individuum ab und Ihr Sensei sollte in der Lage sein Ihnen zu sagen, wann Sie wieder bereit sind.

Was denken Sie nun über Ihren Kuro-Obi?

Eine Sache kann ich Ihnen sagen: Selbst wenn Sie einen schwarzen Gürtel tragen, wird er weder Ihnen bei Ihrem Karate helfen, noch Sie gut aussehen lassen. Andererseits gibt es eine gewisse Menge an Verpflichtungen und Verantwortungen, die mit Ihrem Gürtel in Verbindung gebracht werden. Zum Beispiel sollten Sie nicht ein, oder zwei Mal in der Woche trainieren, sondern täglich. Sie müssen in Form sein und einen gesunden Lebensstil pflegen. Übergewicht dürfte bei einem Schwarzgurt nicht toleriert werden. Sie sollten außerdem nach der Dojokun leben und die Nijukun achten.

Asai Dojo kun

Was ist Ki? 気とは何ぞや? (Teil 2)

deep_breathingOK, sie könnten sich fragen, warum die Stärkung des Ki mit der Atmung oder gar der Tiefenatmung zusammen hängt. Lassen Sie uns zunächst schauen, ob die korrekte Atmung auch in der westlichen Welt als vorteilhaft angesehen wird. Ob Sie glauben oder nicht, aber wenn sie nach dieser Frage googeln, werden sie viele Artikel und Seiten finden, die in Verbindung mit diesem Thema stehen. Auf einer Seite, die zu der Motivations- und Achtsamkeits-Seite One Powerful Wordgehört, werden 18 Vorteile einer Tiefenatmung aufgezählt:

Sie…

  1. entgiftet

  2. löst Spannungen auf

  3. entspannt Körper und Geist und bringt Klarheit mit sich

  4. erleichtert emotionale Probleme

  5. lindert Schmerz

  6. massiert die inneren Organe

  7. vergrößert die Muskulatur

  8. stärkt das Immunsystem

  9. verbessert die Haltung

  10. verbessert die Qualität der Blutes

  11. verbessert die Verdauung

  12. verbessert das Nervensystem

  13. stärkt die Lungen

  14. stärkt das Herz

  15. unterstützt ein gesundes Körpergewicht

  16. vergrößert die Energiereserven und verbessert die Ausdauer

  17. verbessert die Zellerneuerung

  18. verbessert die Laune

Genug Vorteile? Den gesamten Artikel (auf englisch) finden Sie hier:

http://www.onepowerfulword.com/2010/10/18-benefits-of-deep-breathing-and-how.html

Jedoch ist es wahr, dass der Inhaber dieser Seite kein Mediziner ist. Dann lassen Sie uns doch anschauen, was Experten in der Medizin zu der Tiefenatmung zu sagen haben. Ich werde hier nur einen von ihnen erwähnen, aber wenn Sie im Internet recherchieren, werden Sie auf zahlreiche solche und ähnliche Quellen stoßen. Die Seite, auf die ich mich beziehe, heißt Women to Women;Changing womens health naturally (Von Frauen zu Frauen; Die Gesundheit von Frauen auf eine natürliche Art verändern) von Marcelle Pick. Auf einer Seite schrieb sie: In einem Bericht und den Analysen mehrerer Studien aus dem Jahre 2005, beschreiben Richard Brown und Patricia Gerbarg, dass Übungen zur Tiefatmung aus dem Yoga sich als besonders effektiv gegen Depressionen, Angstattacken und weitere stressbezogene Krankheiten erwiesen. Diese Techniken können als ausgezeichnete Ergänzungen zu der herkömmlichen medizinischen Behandlung oder in manchen Fällen als angemessener Ersatz von einer Unzahl an psychologischen Krankheiten, sowie Essstörungen und Übergewicht, dienen.

Auch diesen Artikel (auf englisch) können Sie bei Interesse hier finden:

http://www.womentowomen.com/fatigueandstress/deepbreathing.aspx

Wir sehen also, dass die moderne medizinische Gesellschaft ebenfalls die Vorteile der Tiefenatmung befürwortet. Es ist bedauernswert, dass diese Akzeptanz unter dem Großteil der Bevölkerung, darunter den Sportlern, nicht so sehr verbreitet ist. Noch bedauernswerter ist es, dass viele Karate-Lehrer die Bedeutung der Tiefenatmung nicht betonen und diese nicht in ihr Trainingsprogramm aufnehmen. Jedenfalls wussten die Asiaten von dieser Bedeutung bereits vor mehreren Jahrhunderten und bauten die Tiefenatmung in verschiedene Trainingsmethoden ein. Wir glauben, dass die Ki-Energie aktiviert werden muss und durch den Körper zirkulieren sollte, um positive Wirkungen herbei zu rufen; und um diese Zirkulation zu stärken wurde die Methode der Tiefenatmung entwickelt. Ähnlich sieht es aus, wenn man Wasser in einem Wasserkocher zu kochen bringt: Zuerst wird es von unten erhitzt, steigt dann nach oben und zirkuliert wieder nach unten. Stellen Sie sich dieses Bild in Verbindung mit dem Ki in Ihrem Körper vor. 経絡図 Die Atmung macht zwei Dinge: Erstens unterstützt sie die Ki-Energie bei ihrer Zirkulation (innerlich), und zweitens reichert sie einzelne Körperteile mit einer Energiequelle – der Luft – an (äußerlich). Letzteres wird durch den Blutkreislauf ermöglicht, doch die Tiefenatmung hilft dabei, indem die die Aufnahme von Sauerstoff und die Abgabe von Kohlendioxid verbessert.

Sie könnten sich fragen, wo das Ki in Ihrem Körper entlang läuft. Chinesische Experten entwickelten eine Grafik für Meridiane, die sich Keiraku (経絡) nennt, um die genauen Wege, sowie das ganze System zu zeigen (siehe Abbildung). Heute wird unter dem westlichen medizinischen Personal viel über die Existenz solcher Wege diskutiert, da man keine physischen Organe vorfinden kann, durch die diese Energie fließen könnte, während man in der Lage ist Venen, Arterien und Nerven vorzuweisen. Das Keiraku-Schaubild wurde im Laufe mehrerer Jahrtausende anhand der praktischen Erfahrung von Experten der Akupunktur und Moxa entwickelt.acupuncture

Der gleichmäßige Fluss Ihres Ki ist der Schlüssel zur Gesundheit und Lebenskraft. Das langsame und tiefe Atmen, das mit den langsamen Körperbewegungen koordiniert ist, hilft und verstärkt die Zirkulation. Ich wiederhole nochmal, dass Tai Ji Chuan eine der besten Methoden aus allen Kampfkünsten (vorausgesetzt Sie stimmen dessen Zugehörigkeit zu dieser Gruppe zu) ist, um das Ki zu entwickeln. Selbstverständlich würden Sie nun gerne wissen wie es mit dem Karate steht. Ja, es wird Zeit, dass wir nun über unser Karate-Training sprechen, aber was denken Sie wie es damit steht? Leider enthalten die Trainingspläne von nur sehr wenigen Shotokan-Dojos spezielle Atemübungen. Wenn das so ist, dann würden Sie vielleicht an das Atemtraining während der Kata denken. Und wieder muss ich Sie enttäuschen, denn keine Kata wird, im Bezug auf die Atmung, korrekt unterrichtet und nur wenige Lehrer wissen, wie man die Bewegungen der Kata mit der Atmung harmonisiert. Die einzige Shotokan-Kata mit sichtbarer Atmung, nämlich Hangetsu, hat ihren Unterricht der Atemmethoden vor vielen Jahren verloren. Nur Kanazawa-Sensei und ich unterrichten noch auf diese Weise. Zusätzlich verlor Hangetsu nicht nur beinahe ihre Atemübungen, sondern auch den wichtigsten Schwerpunkt beim Hangetsu-Dachi. Darüber habe ich in meinem Buch, im Hangetsu-Kapitel, geschrieben; sicher könnten sich meine Leser daran erinnern. Ich habe vor ein Anleitungsvideo auf der Karate-Coaching-Seite (www.karatecoaching.com) hochzuladen, wo ich erklären werde, wie man es machen sollte und zusätzlich einige Atemübungsmethoden zeige. (Anm. des Übersetzers: Die Videos sind bereits gefilmt, hochgeladen und einsehbar für Abonnenten von Karate-Coaching.)

KiaiSie kennen das Ki-ai (気合) welches Sie oft im Training machen. Das bedeutet wörtlich das Ki sammeln. Hilft es denn nicht das Ki zu stärken? Ja, es ist sehr ironisch, aber, ob Sie es glauben, oder nicht, doch die übertriebene Nutzung des Ki-ai verhindert den Ki-Fluss. Das mag eine schockierende Behauptung zu sein, aber es ist wahr. Ein lautes Ki-ai zieht einen großen Verlust an Energie mit sich und es stört den Ki-Fluß, weil der Körper sich dabei verspannt. Es ist wie ein lauter Ton, wenn eine Bombe explodiert. So ein Ton verhilft nicht der Kraft, doch die dafür aufgewendete Energie wird verschwendet. Wenn man also einen Ton bei einer kraftvollen Technik hört (so wie der Knall bei einer Dynamit-Explosion), aber ein lautes Ki-ai machen, nur des Ki-ais wegen, ist Energieverschwendung. Vielleicht ist das in Ordnung beim Kindertraining, um die Kinder zu begeistern, oder damit sie ihre Energie los werden, weil sie ohnehin sehr energiegeladen sind. In Shotokan Myths schrieb ich bereits in dem Kapitel über Ki-ai, dass es bei der alten Kata und während des Trainings auf Okinawa vor dem 20. Jahrhundert kein Ki-ai gab. Selbst Funakoshi hat diesem nicht zu viel Bedeutung verliehen und ein, oder zwei Ki-ai in der Kata waren optional (sie könnten ja Karatedo-Kyohannachlesen). Alles wurde anders, als Kata zu einer Wettkampfdisziplin wurde, wo einige strenge Regeln nötig sind, um die Beurteilung zu ermöglichen. Ist Ki-ai immer schlecht? Nein, denn wie ich früher sagte, ist alles in Ordnung, wenn man alles richtig macht. Es kann einer Technik eine außergewöhnliche Kraft verleihen, und ich meine hier keine Zauberei. Mit Worten ist es schwer zu erklären, aber ein korrektes Ki-ai dient als Bindeglied, welches all die Muskelkraft aus den verschiedenen Bereichen des Körpers harmonisch miteinander verbindet. Deswegen darf die Spannung im Körper (Kime) nur ein Hundertstel, oder sogar ein Tausendstel der Sekunde dauern. Das ist wahres Kime und kann im Hakkei (発剄) gesehen werden, welches lediglich als explosive Kraft“ übersetzt wird und eine Geheimtechnik im Kung-Fu sein soll. Das ist die Energie, die beim one-inch-, oder zero-inch-punch (wörtlich: Ein-Zoll- und Null-Zoll-Schlag) verwendet wird. Sie können meine Demonstration dieses Schlages auf der Karate-Coaching-Seite sehen.Ibuki breathing

Und wie sieht es mit der Ibuki-Atmung (息吹き) aus, die im Goju-Ryu und anderen okinawanischen Stilrichtungen verwendet wird? Meine Erfahrung mit dem Goju-Ryu-Training ist begrenzt, deswegen bin ich kein Experte auf dem Gebiet und heiße Beträge von Goju-Experten willkommen. So wie ich das verstehe, bestehen die Ziele der Ibuki-Atmung aus zwei Teilen. Das Eine findet in der Sanchin-Kata Anwendung und zielt darauf ab die Atmung mit der Bewegung zu vereinbaren. Es ist eine ähnliche Idee wie beim Tai Ji, jedoch gibt es da einen großen Unterschied: Im Tai Ji sollte man seine Muskeln entspannen, während man im Goju-Ryu lernt wie man den ganzen Körper anspannt. Die blockenden und schlagenden Arme bewegen sich in der Sanchin-Kata (三戦) also sehr langsam, aber es scheint doch viel zu viel Spannung im ganzen Körper zu entstehen, was den Ki-Fluß stören dürfte. Der Sinn dieser Kata und der ursprünglichen Hangetsu war also nicht die Verbesserung des Flusses, sondern möglicherweise nur die Stärkung des örtlichen Ki. Das zweite Teilziel des Ibuki-Trainings wird durch eine starke Ibuki-Atmung erreicht, indem der Übende ruhig steht, schnell einatmet und sehr angespannt ausatmet. Der Lehrer prüft die Körperspannung des Übenden, indem er ihn ziemlich stark schlägt und tritt. So wie ich das verstehe, ist der Grundgedanke dabei, dass der Goju-Ryu-Übende seinen Körper darauf trainiert den Tritten und Schlägen eines Gegners zu trotzen. Offensichtlich kommt diese Idee aus einer Nahkampf-Methode und basiert auf einer Situation, wo nur die Fäuste eingesetzt werden. Auf Okinawa wurden alle Waffen (Schwerter, Messer, etc.) über mehrere Jahrhunderte verboten, weshalb diese Idee in Betracht gezogen werden darf. (Anm. d. Lektors: Das vermeintliche Waffenverbot beruht auf einem Übersetzungsfehler. Deshalb ist der hier erwähnte Nahkampf-Aspekt nicht zu genau zu nehmen.) Shurite, inkl. Shorin-Ryu und Shotokan, basieren auf Kampfmethoden für lange Distanzen, was also auch den Kampf gegen einen bewaffneten Gegner einschließt. Das ist einer der Gründe, weshalb Funakoshi das Ibuki-Training nicht ins Shotokan aufnahm und der Hangetsu eine geringere Bedeutung beimaß. Ein anderer Grund war die Art, wie diese trainiert werden, nämlich mit freiem Oberkörper. Hangetsu KaseFunakoshi wusste, dass dies sich nicht so gut mit der japanischen Kultur vereinen würde, da nur Handarbeiter ihre Oberbekleidung auszogen. Er wollte den Japanern Karate wie eine Kunst der Samurai und Kavaliere präsentieren. Aber ein großer Vorteil der Ibuki-Atmung ist das Training des Zwerchfells. Während des Ibuki müssen Sie dem Zwerchfell und dessen Arbeit viel Beachtung schenken. Sie werden lernen wie man es herunterdrücktund wieder hochzieht, während Sie die Atmung kontrollieren. Jedoch gibt es diese Übung auch im Yoga. Ich mag diese Übungen mehr, weil sie mit weitaus weniger Körperspannung ausgeführt werden. Zusätzlich wird dieses Training mit der Bewegung der inneren Organe (hoch, runter und kreisförmig), sowie der Tiefenatmung verbunden. Diese Übung ist hervorragend für die Zirkulation des Ki und wird Ihre Gesundheit unterstützen. Ich empfehle diese Übung sehr und hoffe, dass die Leser sie ausprobieren werden.

Zurück zum Kime. Das verlängerte Kime, oder die Spannung der Muskel, ist nicht gut für den Ki-Fluß – darüber können Sie in dem Kapitel über Kime in Shotokan Myths nachlesen. Um den Ki-Fluß in Ihrem Karate-Training zu entwickeln, müssen Sie lernen, wie man sich während des Trainings mehr entspannt. Wenn Ihnen die Spannungen beim Training gefallen, dann empfehle ich Ihnen eine separate Einheit mit Atemübungen zu machen. Wie man lang und tief atmet habe ich meinem vorherigen Blogeintrag beschrieben. Es gibt noch weitere Wege, um sein Ki zu entwickeln, mit den ich mich in einer längeren Behandlung des Themas beschäftigen werde.
Jetzt, wo Sie wissen wie man die Technik der langen und tiefen Atmung ausübt, möchte ich diesen Artikel abschließen, indem ich über den größten Nutzen des starken Kis und gesunden Ki-Flusses, entwickelt durch Tiefatemübungen, schreibe.

Sie werden in der Lage sein ihren Herzschlag und den Blutdruck zu kontrollieren. Sie werden ein stärkeres Immunsystem besitzen. Was bedeutet das? Das heißt, dass sie ein sehr gesundes Leben führen werden. Funakoshi rühmte sich damit, dass er mit 70 und Anfang 80 nie krank wurde. Das zollte er dem Karate-Training, was ich befürworte. Er lebte bis zum 88. Lebensjahr, was für diese Periode eine sehr lange Lebensdauer war. Er erlebte in den 1940-er sogar die Kriegszeit in Tokio, als das Essen knapp war und mangelnde Hygiene herrschte. Ich stimme Meister Funakoshi zu und werde künftig einen Artikel darüber schreiben, wie das Karate-Training eine gute Gesundheit bewirken kann. Je länger ich Karate praktiziere, desto mehr merke ich, wie faszinierend der Mensch ist und dass unser Potential nahezu unerschöpflich ist. Würden Sie nicht glücklicher sein, wenn Sie selbst in ihren 70ern und 80ern einfach nicht krank werden würden? Diese Gesundheit können Sie mit der Tiefatmung und dem Karate-Training herstellen.

Brain Waves GraphSie werden außerdem in der Lage sein ihre Hirnströmungen und Emotionen besser zu steuern, als untrainierte Menschen. Würden Sie in einer stressvollen Notsituation nicht gerne die Fähigkeit besitzen, ruhig und gefasst zu bleiben? Sie können das erreichen, indem Sie ihre Hirnströmungen in dem entspannten Modus behalten. Wenn Sie ein starkes Ki besitzen, werden Sie nicht mehr depressiv sein und schlechte, oder traurige Nachrichten und Ereignisse werden Sie nicht mehr so leicht aus der Fassung bringen. Dies wird ganz eindeutig dazu beitragen, dass Sie ein glücklicheres Leben führen können.

Ihre geistige Bereitschaft wird sich mit einer korrekten Atmung und starkem Ki verbessern. Was bedeutet das? Sie werden in der Lage sein Unfälle zu vermeiden, ob beim Gehen, Laufen, Fahrrad- oder Autofahren und sonstigen Aktivitäten, die Sie unternehmen. Von all den Unfallarten ist der Autounfall wohl derjenige mit den schwerwiegendsten Folgen, also werden Sie diesen wohl am meisten vermeiden wollen. Speziell zu diesem Thema werde ich künftig einen weiteren Artikel schreiben und mit Ihnen teilen. Der Titel des Artikels ist Jidosha Dojo (Fahrzeug-Dojo) und darin geht es darum, wie man Karate beim Autofahren praktizieren könnte.

Ich hoffe, dass ich alles zum Thema Ki und dessen Beziehung zur Tiefenatmung behandelt habe. Dieser Artikel ist viel länger geworden, als ich erwartete, deshalb werde ich an dieser Stelle zum Ende kommen und auf die Fragen und Beiträge der Leser warten.

 

Was ist Ki? 気って何? (Teil 1)

Dies ist eine sehr tiefgründige und komplexe Angelegenheit. Darüber gibt es eine große Anzahl an Büchern auf japanisch, doch leider sind die Artikel und Bücher zu diesem Thema auf englisch oder in einer anderen Sprache (außer chinesisch) sehr selten. Ich hatte schon seit langer Zeit daran gedacht einen Artikel darüber zu schreiben, doch ich habe immer gezögert, weil es so aufwändig ist. Ich plane in der Zukunft einen noch längeren und umfassenderen Artikel darüber zu schreiben, doch für diesen Blog werde ich hauptsächlich den Teil behandeln, der in Verbindung mit Karate steht und dessen Zusammenhang mit der Atmung.

ki-kanji-2

OK, lassen Sie uns anfangen. Für viele Leser dürfte Ki ein rätselhaftes und vielleicht sogar fragwürdiges Konzept aus Asien darstellen, aber das ist es wirklich nicht, und ich möchte heute etwas Licht auf dieses Thema werfen.
In seinem Wesen ist Ki „die Quelle für Energie, die alles Leben nährt“. Mit anderen Worten ist es etwas, das uns ermöglicht zu leben. Solange Sie am Leben sind, besitzen Sie Ki. Man glaubt, dass Ki zur Natur zurückkehrt, wenn man stirbt. Alle lebendigen Wesen, wie Tiere, Insekten und Pflanzen haben ihr eigenes Ki. Tatsächlich glauben wir Japaner sogar daran, dass leblose Gegenstände in der Natur wie Steine, Berge, Seen, Flüsse, Regen, Blitze, Wolken, Sterne usw. ihr eigenes Ki besitzen. Deswegen haben wir Feng Shui (
風水), ein chinesisches, geomantisches System, welches die Gesetze des Himmels (chinesische Astronomie) und der Erde nutzen, um das Leben eines Individuums zu verbessern, indem er positives Qi (auch Chi, chin. für Ki) empfängt. Der Begriff Feng Shui kann wörtlich mit „Wind-Wasser“ übersetzt werden. Wenn Sie an dieser Kunst interessiert sind, können Sie sich auf Wikipedia, wo die Geschichte und die Theorien erklärt werden, darüber informieren. Die grundlegende Idee besteht darin, dass natürliche Faktoren, wie Himmelsrichtungen und Dinge, wie Berge, Flüsse usw. verschiedene Energien besitzen. Unterschiedliche Kombinationen daraus haben positive und negative Einflüsse auf die Menschen. Die Asiaten, insbesondere Chinesen, nehmen dies sehr ernst, und Feng Shui wird zu einem der hauptsächlichen Faktoren bei der Auswahl eines Hauses. Das ist sogar bei Chinesen, die in den Vereinigten Staaten und vermutlich auch in Europa leben, sehr beliebt.

Wie dem auch sei, wir glauben daran, dass alles seine eigene Energie besitzt und deren unikale Vibration (波動) nennt man Ki (). Das ist ein tiefgreifendes Konzept,da die moderne Physik (spezielle und allgemeine Relativitätstheorie) gerade mal vor einem Jahrhundert zu der Einsicht kam, dass alles im Universum aus Energie besteht, und der Grundaufbau von allen Dingen auf Vibrationen (Wellen) basiert, die aus Energie bestehen. Selbst wenn Sie sich mit Quantenphysik nicht auskennen, kennen Sie Einsteins berühmten Grundsatz E=MC², den er 1905 veröffentlichte. Die Masse-Energie Äquivalenz besagt, dass die Masse eines Körpers ein Maß für dessen Energiegehalt ist. In diesem Konzept ist Masse eine Eigenschaft von Energie, Energie eine Eigenschaft von Masse und beide Eigenschaften sind durch eine Konstante verbunden. Damit kann das 3000 Jahre alte chinesische Konzept nicht als vollkommen grundlos und unglaubwürdig abgetan werden.

 Einstein

Obwohl die Idee des Ki sich auf alle Dinge im Universum erstreckt, lassen Sie uns in diesem Artikel nur das für uns Menschen relevante Ki betrachten.

Wenn wir unseren Körper betrachten, stellen wir verschiedene Schwingungen und Muster fest. Die für uns bekanntesten Schwingungen sind die Hirnströme. Eine weitere ist der Blutdruck, der seine Muster im Laufe des Tages mehrmals ändert. Es gibt noch weitere, weniger sicht- und bemerkbare physische Zustände, wie die Körpertemperatur und den Hormonhaushalt, die ebenfalls schwanken. Die circadiane Rhythmik ist etwas, was sich besonders bemerkbar macht, wenn man über große Entfernungen reist und mehrere Zeitzonen überquert. Wikipedia nach werden als circadiane Rhythmik jegliche biologische Vorgänge bezeichnet, die endogene, gesteuerte Schwankungen innerhalb von 24 Stunden darstellen. Diese Rhythmik wir durch eine circadiane Uhr gesteuert, und Rhythmen wurden weitgehend bei Pflanzen, Tieren und Cyanobakterien beobachtet. Der Hormonpegel wird innerhalb von Stunden geändert und ist an die circadiane Rhythmik gebunden, sodass man oft auf die Hilfe von Melatonin-Tabletten angewiesen sein dürfte, um bei Übersee-Reisen vernünftig schlafen zu können. Viele dieser Zyklen sind von Ebbe und Flut abhängig, sowie von der Tatsache, dass wir den Tag- und Nachtwechsel haben.

Ki ist die Energiequelle in unserem Körper, die dessen Wellen und zyklische Funktionen beeinflussen kann. Jeder besitzt diese Energie, aber wie können wir sie steigern? Tatsächlich gibt es zwei Wege sie zu steigern: Einer davon ist das, was wir täglich tun, nämlich essen und trinken. Dies ist eine äußere Quelle. Deswegen sind Ihre Essgewohnheiten sehr wichtig für die Erhaltung der Gesundheit. Die andere Quelle ist innerlich. Sie wurde vor einigen Jahrtausenden in China erkannt. In der westlichen Welt wurde Ki nicht entdeckt. Stattdessen wurde das Gebiet des Verstandes in der modernen Psychologie, insbesondere von Freud und Jung, erforscht. Dieses Forschungsfeld erschien erst etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Wenn Sie unter einer dauerhaften Depression leiden, wird Ihr Arzt Ihnen sagen, dass Sie bestimmte chemische Störungen im Kopf haben und Ihnen empfehlen bestimmte Medikamente (äußere Quelle) zu nehmen, um Ihre Laune zu steigern. Demgegenüber würde ein Ki-Meister, oder Ki-Arzt Ihnen sagen, dass Ihr Ki schwach ist und einen oder mehrere bestimmte Bereiche anzeigen, wo der Ki-Fluss verlangsamt oder gestört ist. Er könnte Ihnen eine Akupunktur- oder Moxa-Behandlung, einhergehend mit Atemübungen, empfehlen. Diese Behandlungen können das lokal gebundene Ki stimulieren, was sich positiv auf den gesamten Ki-Fluss im Körper auswirkt. Der Ki-Arzt könnte Ihnen auch einige Medikamente geben, die aber nicht im chemischen Labor hergestellt wurden, sondern auf Kräutern und anderen natürlichen Inhaltsstoffen basieren. Diese werden als Suppe oder Tee eingenommen.

Ki-flowDer Unterschied in der Behandlung und Diagnose der beiden Schulen bleibt nicht nur beim Geist, er betrifft auch die Physik des Körpers. Wenn Sie Rückenschmerzen haben, oder unter irgendeiner Form von Allergie leiden, können Sie auf Akupunktur, Moxa oder eine Behandlung mit Kräutern zurück greifen. Die Akupunktur () ist selbst in der westlichen Welt berühmt. Das Moxa-Brenneisen, oder einfach nur Moxa () ist wahrscheinlich weniger bekannt, aber eine sehr beliebte medizinische Behandlungsmethode für viele Krankheiten in Asien. Ich kann mich noch daran erinnern, wie meine Großmutter sich viele Moxa-Kegel auf die Schultern und den Rücken legte, um ihre Kopf-, Rücken- oder Gelenkschmerzen zu kurieren. Für den Fall, dass Sie Moxa nicht kennen: Es sind kleine Kegel, die ein bisschen wie Räucherstäbchen aussehen, und die man anzündet. Sie brennen sehr langsam und verbrennen tatsächlich Ihre Haut, aber dieser Reiz verleiht dem Punkt einen Schock und gibt dieser Region somit die benötigte Ki-Energie ab. Ich habe es probiert und es brennt wirklich. Ich habe auch Akupunktur ausprobiert und mir gefällt sie besser als Moxa. Wie dem auch sei, es gibt eine noch radikalere Behandlungen, in der Ki verwendet wird. Eine davon ist „Ki-Anästhesie“, die andere eine „Ki-Operation“. Vielleicht haben Sie ja Videos davon gesehen. Sie haben alle einen Bezug zu Ki und ihren Fluss. Ich werde nicht weiter auf diese Behandlungen eingehen, da ich keine Erfahrung damit habe und mein Schwerpunkt in diesem Artikel nicht auf den medizinischen Anwendungen von Ki liegen sollte. Es gibt außergewöhnliche Berichte über diese Behandlungsmethoden, also können Sie diese recherchieren, wenn Sie Interesse daran haben.

Ich rechne die moderne westliche Medizin und die medizinischen Errungenschaften hoch an, ich versuche hier also nicht diese Behandlungen anzuzweifeln, oder sie schlecht zu reden. Um ein auf einen Krebstumor hinweisendes Symptom zu entdecken, sollte man sich röntgen lassen. Dennoch, wenn es um die Vorbeugung, einfachere Krankheiten und insbesondere den Beginn einer Krankheit geht, so glaube ich, dass eine natürliche Behandlung und Ki-Training die bessere Wahl sein könnten und auch mehr Sinn machen würden. Ich möchte aber nochmal betonen, dass ich kein Arzt bin, also nicht dazu qualifiziert bin einen medizinischen Rat zu erteilen.

Zen meditation 1

Wir glauben, dass unser Körpersystem von Zyklen und Wellen gesteuert wird. Wenn diese verstimmt, oder aus dem Gleichgewicht gebracht werden, so entsteht ein Zustand, den man als Krankheit bezeichnet (sowohl körperlich, als auch geistig). Deshalb haben unsere Vorfahren verschiedene Wege entwickelt, mit den man das Ki stärkt und die Muster aufrecht und im Gleichgewicht erhält. Diese Methoden beinhalten u.a. Qi Gong (oder Kiko 気功), Yoga, Zen-Meditation (座禅), Taijiquan (太極拳), sowie einige Stile des Kung Fu und andere Kampfkünste, wie Aikido (合気道).

Ich hatte drei Jahre (1997-1999) in Tokio Kiko in der Nishino-Stilrichtung praktiziert. Meine Erfahrungen, die ich im Nishino-Dojo machte, hatte ich bereits in meinem letzten Buch „Shotokan Mysteries“ erwähnt, deshalb werde ich an dieser Stelle nicht nochmal darauf eingehen. Ich kann nur sagen, dass das Training überwiegend dazu diente, die Muskeln mit Hilfe von Atemübungen zu entspannen.
Lassen Sie mich bitte hervorheben, dass Tai Chi ein exzellentes System für die Stärkung von Ki sein kann, aber nur wenn sie mit den korrekten Atemmethoden unterrichtet wird. Es ist eine „innere Kampfkunst“, die einerseits wegen ihren Selbstverteidigungsaspekten, und andererseits wegen den gesundheitlichen Vorteilen praktiziert wird, doch die langsamen Bewegungen alleine garantieren nicht die Stärkung vom Ki. Tai Chi muss mit einer korrekten Atem-Methodik ausgeführt werden, die mit den Körperbewegungen im Einklang sind. Tatsächlich ist Tai Chi für die Kultivierung von Ki besser geeignet als Karate. Ich erkläre später, warum ich das denke.

Nishino Ki

Qi Gong, Yoga, Zen-Meditation und Tai Chi Chuan sind im Wesentlichen langsam ausgeführte Übungen mit einer engen Verbindung zur Tiefenatmung. Sie mögen darüber überrascht sein, dass ich Zen-Meditation als Übung zur Kultivierung von Ki aufführe. Ich kann das nachvollziehen, da die Zen-Meditation keinerlei Bewegungen beinhaltet, zumindest erscheint es so, da weder die Arme, noch die Beine sich bewegen. Doch wenn diese Form der Meditation mit einer Tiefenatmung ausgeführt wird, werden die Lunge, das Zwerchfell, die Bauch-, sowie die innere Muskulatur aktiv genutzt. Wenn Sie tief atmen, stärken sie das Zwerchfell und die übrige innere Muskulatur im unteren Bauchbereich, welchen man Tanden (丹田) nennt, was übersetzt „Energiequelle“, oder „Ki-Speicher“ bedeutet.

Was bedeuten Senpai und Kohai wirklich? 先輩と後輩とは?

Ich erhalte oft Fragen, die diese zwei sehr populären Begriffe betreffen. Ich habe festgestellt, dass die Westler ihre wahre Bedeutung und die dazugehörigen Regeln nicht kennen.

Diese beiden Begriffe sind sehr verbreitet im Dojo, aber man ist trotzdem verwirrt und fragt sich, was sie wirklich bedeuten. Die Verwirrung, oder das Missverständnis entsteht, weil die Idee hinter diesen zwei Begriffen eng an das einzigartige japanische kulturelle Konzept, oder Verhalten gebunden ist. Lassen Sie mich diese einzigartige kulturelle Auffassung erklären, damit Sie ein besseres Verständnis davon haben, was hinter diesen zwei Wörtern steckt.

Dojo line up

Lassen Sie uns zuerst die Kanji und ihre Bedeutung betrachten, damit Sie die Grundlage und Konstruktion der Wörter verstehen. Die Kanji für Senpai sind 先輩 und für Kohai 後輩. Sen () bedeutet „früher“, „fortgeschritten“, „zuerst“, oder „voraus“. Sie kennen dieses Zeichen, da es in anderen Karate-Bergriffen wie „Sensei“ und „Sen no Sen“ verwendet wird. Hai () bedeutet „Gesell“, „Person“, „Kollege“, oder „Leute“. Also ist ein Senpai ein Schüler, oder Übender, der früher mit Karate angefangen hat. Kobedeutet „später“, „danach“,

dahinter“, oder „nach hinten“. Sie können also leicht die Bedeutung von Kohai schlussfolgern: Es ist eine Person, die später mit dem Training angefangen hat, als ein anderer Übender. Es ist ein Vergleich, der normalerweise unter den Übenden im gleichen Dojo aufgestellt wird, aber er kann auch auf größere Organisationen, oder gar Ryuha (solche wie Shotokan) ausgeweitet werden.

Das ist ein sehr direktes und einfaches Konzept. Deshalb gibt es im Bezug darauf unter Japanern nur sehr wenig Verwirrung. Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel nennen: Wenn sie mit dem Training in, sagen wir, Januar 2000 begonnen haben, dann sind Sie ein Senpai für alle Schüler, die mit ihrem Training ab Februar 2000 begannen. Sie sind ein Kohai für alle Übenden, die mit ihrem Training vor ihrem Anfangsdatum begonnen hatten. Manche Japaner sind sehr präzise und pingelig, sodass für sie eine noch kürzere zeitliche Differenz, als ein Monat, bereits den Unterschied ausmacht. Sogar ein Tag der Differenz könnte darüber entscheiden, ob man Senpai, oder Kohai ist. Wenn eine Person am selben Tag und zum selben Zeitpunkt beitritt, gilt sie als Dohai 同輩. Do () bedeutet „gleich“. Der Laut von do wird mit anderen Zeichen beschrieben, verwechseln Sie dieses deshalb nicht mit einem anderen populären do (), welches „Weg“ bedeutet und u.a. in Karate-do verwendet wird.

In Japan ist das Konzept des Vorranges von großer Bedeutung und die Unterteilung, oder Klassifikation wird ausgeübt und erzwungen. Zum Beispiel besteht unter Geschwistern eine bestimmte Hierarchie, die von ihrem Alter abhängt. Der/die älteste Bruder/Schwester, hat die meiste Macht, oder Respekt im Vergleich zu den anderen Geschwistern. Selbstverständlich kommt einhergehend damit auch die Verantwortung. Das gilt für alle Seiten der japanischen Gesellschaft in verschiedenen Ausmaßen. Die zwei offensichtlichen Orte sind das Dojo und die Schule. Das gilt auch für Arbeiter, da eine lebenslange Beschäftigung in Japan einst sehr verbreitet war. Obwohl dieser Brauch in japanischen Firmen immer mehr schwindet, findet das Erbe davon, das Bezeichnen des Kollegen als Senpai, oder Kohai, immer noch weite Verwendung.


Im Abendland gibt es keine strenge Hierarchie, die an Zeit gebunden ist. Zum Beispiel wir ein männliches Geschwisterteil einfach nur Bruder genannt. Um zu zeigen, dass dieser älter ist, muss man das Wort „älterer“ vor „Bruder“ hinzufügen. Im Japanischen haben wir ein Zeichen (
), um dies zu beschreiben. Außerdem sind Westler viel mobiler und bleiben nicht im selben Dojo über mehrere Jahre.

Ich vermute, dass in Ihrem Dojo unter Senpai ein älterer Schüler, oder sogar eine ausbildende Hilfskraft, die nicht dazu qualifiziert ist ein Sensei zu sein, verstanden wird. In manchen Dojos werden alle Schwarzgurte als Senpai und alle Braungurte und darunter als Kohai bezeichnet. Ich verstehe wie es dazu kommt. Lassen Sie mich mit Ihnen eine interessante Sache, die in Japan mit Senpai und Kohai passieren kann, teilen: Nehmen wir an, Sie sind ein Shodan, genau wie Ihr Senpai, der dem Dojo, sagen wir, ein Jahr früher beigetreten ist. Er würde vor Ihnen als geeignet gelten eine Prüfung zum Nidan ablegen zu dürfen. Und nun stellen Sie sich vor, dass er krank wird, oder für einige Jahre mit dem Karate-Training aufhört. Dann können Sie weiter machen und zum Nidan fortschreiten, während Ihr Senpai ein Shodan bleibt. Wenn Ihr Senpai nun zum Dojo zurückkehrt, werden Sie in der Reihe in der Position des Älteren sitzen. Diese Sitzordnung bleibt in Japan die Selbe, was nun aber anders ist, ist die Tatsache, dass er weiterhin Ihr Senpai bleibt, denn der ursprüngliche Zeitpunkt seines Beginns mit Karate ändert sich nicht. Das kann sogar in Japan für einige Verwirrung sorgen, deshalb kann man in einem japanischen Dojo normalerweise keine Prüfung ablegen, wenn nicht erst alle Senpai zuvor die Prüfung abgelegt haben. Das passiert für gewöhnlich in Oberschul- und Universitäts-Karate-Vereinen. Dort schreiten alle älteren Schüler zur selben Zeit zum Shodan, Nidan, usw. fort.

Ich weiß, dass dieses Konzept in der westlichen Welt nicht funktionieren wird und nicht angewendet werden kann. Andererseits finde ich es gut, wenn fortgeschrittene Ausübende Ahnung über die kulturelle Auffassung in Japan, dass der Zeitpunkt des Beginns mit Karate der entscheidende Faktor über die Ernennung zum Senpai, oder Kohai ist, haben. Wenn Sie dies verstehen, dann werden Sie auch die Antwort auf das kleine Rätsel haben, warum Okazaki in der Reihe vor Kanazawa sitzt, obwohl er nach Kanazawa den zehnten Dan verliehen bekam.

Line up with Kanazawa