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Was bedeutet der Begriff „Sensei 先生“?

 

Portrait sitting and seriousWir wissen alle, dass Sensei als „Ausbilder“, oder „Lehrer“ übersetzt wird. Diese Übersetzung ist korrekt, also besteht darin kein Problem.
Ich bekomme einige Fragen bezüglich der Qualifikationen, welche einen Sensei ausmachen. Hier scheint es einen unerwähnten, oder unerklärten Bereich zu geben, welcher für Rätsel im Karatetraining sorgt. Ich mag Rätsel nicht, deshalb werde ich mein Verständnis für den Begriff „Sensei“ mit Ihnen teilen. Ich hoffe, dass es Ihnen bei der Beurteilung, oder auf der Suche nach einem Lehrer helfen wird.

Lassen Sie uns zuerst die Schriftzeichen für „Sensei“ betrachten (先生), welche uns zu einem besseren Verständnis dieses Begriffes verhelfen könnten. Vielleicht erinnern Sie sich an unsere Betrachtung des Zeichens „先“ in dem Wort „Senpai“: Es bedeutet „fortgeschritten“, „voraus“, „älter“, „zuerst“ usw. Aber was ist mit „生“? Dieses bedeutet „Geburt“, oder „Leben“. Insofern bedeutet es wörtlich, dass jemand früher geboren wurde. In anderen Worten heißt es, dass dies eine ältere Person ist, als Sie selbst. Es verrät jedoch nichts über das Alter, oder die Fähigkeiten dieser Person. Interessant, nicht wahr? Die japanische Auffassung besteht also darin, dass man von denjenigen lernt, die älter sind als man selbst, da sie angeblich mehr Erfahrung haben und daher sind sie weiser. Diese Auffassung dürfte nicht allzu sehr überraschend sein, wenn Sie sich an die japanische Vorstellung des zeitlichen Vorranges erinnern, unabhängig davon, ob Sie damit einverstanden sind, oder nicht.

Nun sagen Sie: „OK, ich bin 50 Jahre alt und mein Ausbilder erst 25, also genau halb so alt wie ich. Kann er mein Lehrer sein?“
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir die Auffassung von Zeit auf Karate-Verhältnisse umstellen. Nehmen wir an er hatte vor zehn Jahren mit Karate begonnen und Sie erst vor fünf Jahren. Er ist Ihr Senpai im Karate. Wenn er regelmäßig in Ihrem Dojo unterrichtet, dann ist er Ihr Sensei. In einem Dojo zählt der Altersunterschied nicht und der zeitliche Vorrang hängt davon ab, wann man mit Karate angefangen hat. Ob dieser Sensei reif genug ist, um geachtet zu werden und in der Lage ist, Sie auf einem Weg im Leben zu führen, ist eine andere Geschichte.

Haori hakama seiza

Eine weitere Person fragte mich: „Mein Lehrer ist erst Nidan. Ich dachte, dass ein echter Lehrer Yondan, oder höher sein sollte. Als was sollte ich ihn nun ansehen?“
Meine Antwort ist: „Er ist Ihr Sensei.“
Jeder, der im Unterricht vorne steht und diesen leitet, gilt als Lehrer, unabhängig von seinem Grad. Ob dieser qualifiziert ist, zu unterrichten (durch ein Zertifikat berechtigt), oder nicht, ist eine andere Frage. Außerdem macht eine Lizenz zum Unterrichten nicht sofort einen guten Sensei aus. Ich kenne einen Nidan, der diesen Grad seit 30 Jahren trägt. Sein Training und seine Unterrichtserfahrung übersteigen womöglich die eines jungen Yondan. Ich habe auch schlecht geplante Anweisungen von älteren Leitern (7. und 8. Dan) gesehen. Der entscheidende Punkt besteht darin, dass der Lehrer begeistert genug ist, um das Wissen und die Kenntnisse, die er besitzt, zu teilen. Wenn Sie etwas von ihm lernen können, dann ist er Ihr Sensei. Wenn Sie kein Bisschen von ihm lernen, dann können Sie jederzeit das Dojo verlassen und sich ein anderes Dojo, oder einen anderen Sensei suchen.

 

Wir erwarten von unserem Sensei mehr zu sein, als jemand, der uns nur beibringt wie man schlägt und tritt. Das ist wahr, denn der Karate-Do ist mehr als nur Schlagen und Treten. Sie haben Glück, wenn Ihr Sensei Ihnen mehr als das beibringen kann. Können wir das von einem Sensei erwarten, der 25, oder 30 Jahre alt ist? Manche könnten sehr reif sein und viele Jahre des Trainings hinter sich haben, doch die Meisten davon sind zu jung und ihnen mangelt es an diesen Eigenschaften. Haben Sie also keine falschen Erwartungen von einem jungen Sensei. Seine minimalen Verpflichtungen als Übungsleiter bestehen darin in der Lage zu sein Karate-Techniken beibringen zu können. Das bedeutet, dass er diese Techniken zeigen und erklären kann. Auf der anderen Seite besitzen nicht alle fortgeschrittenen und älteren Lehrer diese Eigenschaften und Qualifikationen. Reife und Weisheit kommen nicht unbedingt mit dem Alter. Viele von ihnen verlieren ihre Form. Wenn ein Übungsleiter übergewichtig und nicht in Form ist, um eine Technik vorzuführen, dann betrachte ich diesen nicht als verantwortungsvoll.

Portrait 4

Mir gefällt das, was Musashi vor einigen Jahrhunderten sagte. Er sagte, dass jeder, außer ihm selbst, ein Lehrer für ihn ist. Ich folge dieser Idee. Meine eigentlichen Lehrer (Sugano und Asai) sind tot und beerdigt. Ich glaube aber, dass mein jetziger Lehrer jeder ist, der in meinem Leben auftaucht, egal ob er eine Kampfkunst ausübt, oder nicht. Ich möchte etwas von jeder Person und allen Erfahrungen in meinem Leben lernen (sei es gut, oder schlecht). Das ist meine Philosophie und ich erwarte von den Lesern nicht, dass sie mit dieser einverstanden sind, oder sie akzeptieren.

 

 

(Fazit)

Wie Sie sich Ihren Sensei aussuchen ist Ihnen überlassen. Jeder von uns hat unterschiedliche Erwartungen und Zielsetzungen im Training. Ich hoffe, dass Sie einen Sensei haben, mit dem Sie zufrieden sind. Wenn nicht, dann hoffe ich, dass Sie einen finden, mit dem Sie zufrieden sein werden und von dem Sie eine Menge lernen können.

Wenn Sie ein Sensei in einem Dojo sind, dann ist die minimale Anforderung an Sie die korrekte Lehre der Karate-Techniken. Das bedeutet, dass Sie in Form sein sollten, um die Techniken, die Sie unterrichten, nicht nur erklären, sondern auch vorführen zu können. Ergänzend dazu hoffe ich, dass Sie mehr als nur die Karate-Techniken aufbieten. Viele Ihrer Schüler erwarten dies von Ihnen.

 

 

Optional disclaimer about the genders:
Yokota-Sensei verwendete in dem englischen Original die geschlechtsunterscheidenden Begriffe „he/she“ im Bezug auf den Lehrer. Im Englischen ist das machbar, doch im Deutschen wird es durch die zahlreichen Artikel und Wortendungen zusätzlich erschwert und führt zu einem schwer lesbaren Text mit vielen Schrägstrichen und Klammern. Ich habe mich in der Übersetzung dazu entschlossen, den Begriff „Lehrer“ auf das männliche Geschlecht zu reduzieren, was keineswegs zu einer Dezimierung des weiblichen Geschlechtes führen, sondern lediglich dem Zweck der Textkürzung und Lesbarkeit dienen sollte.