Ein kleines (?) Rätsel der Heian Kata 平安初段の小さな(?)謎

Hier geht es um ein kleines Rätsel, über welches sich einige westliche Lehrer wunderten, deshalb möchte ich meine Idee zu diesem einzigartigen Merkmal in der Heian Shodan teilen.

Das Rätsel ist die vierte Bewegung, dermigi jodan tate mawashi kentsui uchi. Nein, ich rede nicht über ihr Bunkai. Die Frage ist: Warum haben wir diese Bewegung nicht auch nach dem ersten Gedan Barai, der ersten Technik? Mit anderen Worten, einige dieser westlichen Lehrer dachten, dass eine identische Technik des jodan kentsui uchi zwischen der ersten Bewegung (linker Gedan Barai) und zweiten Bewegungen (rechter Oi-Zuki Chudan) fehlte. Wenn diese Technik da wäre, dann würde die Heian Shodan wirklich symmetrisch werden, nicht wahr? Wurde diese Technik vergessen oder fehlerhaft herausgenommen?

kentsui tate uchi

Lasst uns das alte Lehrbuch anschauen: Funakoshis Karatedo Kyohan 空手道教範. Ich bin mir sicher, dass Sie dort das selbe Ergebnis vorfinden werden; diese „fehlende“ Technik ist nicht da. Lasst uns nun die Pinan Nidan (unsere Heian Shodan) im Shito-Ryu und Shorin-Ryu anschauen: Wir stellen fest, dass die gesuchte Technik auch dort nicht zu finden ist. Daraus sollten wir schließen, dass die Kata so von Meister Itosu 糸洲(Ende des 19. Jh.s) konzipiert wurde. Wenn das der Fall ist, dann wirft es ein noch größeres Rätsel auf: Warum hatte er absichtlich eine Technik ausgelassen oder vernachlässigt und die Kata damit unausgeglichen gemacht? Ein Hinweis wäre das Stichwort „Symmetrie“ . Die ist nämlich ein sehr westliches Konzept von Schönheit, Richtigkeit und Vollständigkeit. In Japan sehen wir es jedoch, ob Sie es glauben oder nicht, ganz gegenteilig.

Die Japaner betrachten Symmetrie und perfekt ausbalancierte Geometrie nicht als richtig oder nicht schön. Sie betrachten diese sogar als falsch und hässlich. Ich weiß, dass einige Leser ein Problem mit meiner Aussage haben und möglicherweise damit nicht einverstanden sein werden.

Lassen Sie mich bitte Ihnen einige Beispiele zeigen:  Ikebana blue printIkebana 4

Abb.1                                                                                        Abb.2

                       

Eine der japanischen Künste, die in die restliche Welt exportiert wurde, ist Ikebana 生け花(die Kunst des Blumenarrangierens). Abb. 1 ist kein Diagramm des Enbusen einer Kata. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass es aus einem Ikebana-Lehrbuch entnommen wurde? Es sollte die Grundlagenstruktur der Blumen, oder die Art wie sie fertig arrangiert aussehen sollten, verdeutlichen. Abb. 2 zeigt den fertigen Blumenstrauß, und Sie können sehen, dass der Bearbeiter sich am unbalancierten und unsymmetrischen Vorbild aus dem Lehrbuch gehalten hat. Ich weiß nichts über Ikebana, und ich habe noch nie am Ikebana-Unterricht teilgenommen, aber ich kann Ihnen erklären, warum es so sein sollte, da ich die Mentalität und den Sinn für Schönheit eines Japaners nachvollziehen kann.


Wir wissen, dass nichts in der Natur
wirklich symmetrisch ist. Mit anderen Worten: Alles, was symmetrisch ist, ist künstlich und wird von Japanern als unvollkommen und unschön wahrgenommen. Ikebana ist eine Art der künstlerischen Dekoration, bei der natürliche Blumen verwendet werden. Natürlich sind die Blumen an sich schön, und das Arrangieren, eine künstliche Handlung, darf die Schönheit dieser Blumen nicht beeinträchtigen oder zerstören. Um ihre Schönheit zu bewahren haben die Japaner sich dazu entschlossen diese auf eine unsymmetrische und unbalancierte Art anzuordnen. Macht das Sinn?

Nun ein anderes Beispiel. Schauen Sie sich die Tassen auf den Bildern unten an. Eine weitere berühmte japanische Kunst ist Sanoyu, die traditionelle Teezeremonie.

Auf der Abb. 3 ist eine Teetasse, die ihre Verwendung in Sado 茶道findet, zu sehen. Sehen Sie wie die Form absichtlich uneben, nicht rund und unsymmetrisch ist? Selbst die Gestaltung und die Farbe erwecken das Gefühl als hätte man bei der Produktion Fehler gemacht. Ich besitze keine Preisliste dafür, aber ich bin mir sicher, dass sie genauso teuer, wenn nicht sogar teurer ist, als die ideal geformte Teetasse von Royal Worcester auf der Abb. 4.

湯呑

Royal Worcester tea cup

Abb. 3                        

                                                                       Abb. 4

Das Konzept von Schönheit ist hier dasselbe. Wir schätzen das Natürliche und nicht das Künstliche oder die ideal aussehende Form. Hierbei vergleiche ich nicht die Schönheit, oder wer (die Japaner, oder die Abendländer) Recht hat und besser ist. Ich zeige Ihnen lediglich das andersartige Konzept der Japaner, welches tief in ihren Herzen und ihrem Lebensstil verwurzelt ist.

Hier sind zwei Fotos von Kimonos. Der Kimono auf der linken Seite besitzt das allgemeine Muster einer natürlichen Szene. Die Blumen auf dem rechten und auf dem linken Ärmel sind unterschiedlich gestaltet. Schauen Sie sich das Design auf dem rechten Foto an: Die Ungleichheit zwischen der linken und der rechten Seite ist sehr bedeutend. Ich denke, dass diese Gestaltung sich ziemlich von der der westlichen Welt unterscheidet, insbesondere wenn es um das traditionelle Konzept geht. 

着物2

着物色違い6

Interessanterweise hatte das Ukiyo-e 浮世絵und die Künstler der Edo-Zeit (17. und 18. Jhd. in Japan), wie z.B. Utamaro und Sharaku, einen großen Einfluss auf die westlichen Künstler, die bei den Impressionisten des 19. Jahrhunderts eingeordnet werden. 

ukiyoe

Seascape

Zu einigen dieser berühmten Maler zählen Monet, Renoir, Cézanne, Matisse, Pissarro, van Gogh und viele weitere. Die gelehrte Methode des Malens setzte das genaue Wiedergeben des vom Maler Wahrgenommenen voraus, doch die Impressionisten „schändeten“ die Regeln, indem sie mehr Gewicht auf das Gefühlte und die Impressionen, die sie von den echten Objekten oder der Szenen hatten. Ich vermute, dass diese Maler zu der Einsicht kamen, es sei unmöglich die Realität vollkommen mit ihren Pinseln zu kopieren. Die japanischen Künstler wussten das bereits seit mehreren Jahrhunderten und perfektionierten ihre impressionistische Malweise in der Edo-Zeit.

Ich könnte noch so weiter machen und viele weitere Beispiele aus der japanischen Kultur zeigen, aber lassen Sie mich Ihnen nur noch einige wenige Beispiele aufzählen, die wesentlich größer sind, als ein Blumenarrangement, oder eine Teetasse.


Wenn Sie Japan besuchen, möchten viele von Ihnen die exotischen Shinto-Schreine besuchen, weil diese so japanisch aussehen und die Fotos von Ihnen in einem Gi mit solch einem Schrein im Hintergrund wirklich toll aussehen (auch wenn das den japanischen Besuchern nicht gefallen dürfte). Nahezu niemand von Ihnen kommt dahin, um zu beten, sondern lediglich um die Schönheit der Gebäude und vielleicht der berühmten A-un
阿吽Statuen zu bewundern. Übrigens würde ich sagen, dass Letztere ein perfektes Beispiel der Anschauung des Konzeptes von Yin und Yang sind. A-un heißt wörtlich „Einatmung“ () und Ausatmung (). Dieser Begriff wird auch in der shintoistischen und buddhistischen Architektur verwendet, um die gepaarten Statuen, die in Verbindung mit japanischen religiösen Szenarien stehen, zu beschreiben: Die Nio 仁王(rechte Abbildung) und die Komainu 狛犬(die Wachlöwen links). 

狛犬 2

仁王像 4

Das Konzept des A-un ist sehr interessant und tiefgründig. Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, empfehle ich Ihnen auf Wikipedia über Thema nachzulesen: http://en.wikipedia.org/wiki/A-un

Der Begriff der Unausgeglichenheit, oder der Asymmetrie erstreckt sich bis zu der Vorstellung vom Bau von großen Gebäuden, wie z.B. eines Schreines. Hier sehen Sie den Bauplan eines Schreines, der vor mehr als einem halben Jahrhundert gebaut wurde (Abb. 5). Der Hauptteil des Gebäudes ist zwar symmetrisch, doch wenn Sie sich das gesamte Gebäude mit den beiden Seitenflügeln anschauen, stellen Sie fest, dass dies nicht auf die gesamte Struktur zutrifft. Der rechte Flügel unterscheidet sich komplett vom Linken. Lassen Sie uns nun den Bauplan einer Kirche (Abb. 6) anschauen, um zu sehen, wie sie gebaut werden sollte. Dieser hier ist von der St. Thomas More Kirche in Darien im Bundesstaat Connecticut. Ich dachte mir, dass es ein interessanter Zufall war, denn der Name des japanischen Schreines ist „Dairen“ und der Standort der Kirche heißt „Darien“. Doch die Ähnlichkeit hört hier mit Sicherheit auf. Wenn Sie das Originalfoto im Internet finden, können Sie den Bauplan der Kirche ausweiten. Schon auf dem Foto unten können Sie sehen, dass sie schön symmetrisch ist. Der rechte Seitenflügel ist eine nahezu perfekte Kopie des linken und umgekehrt. Der einzige Unterschied besteht wahrscheinlich bei den Toiletten (Männertoilette auf der linken Seite, Frauentoilette auf der rechten).

St Thomas More Church

Dairen Shrine

Abb. 5                                                                                 Abb.6

Sind Sie nun mit meiner Schlussfolgerung über die absichtliche Unvollkommenheit der Heiangata einverstanden?

Ich kann mir beinahe denken, wie Itosu sich gefühlt haben musste, als er die Heian Shodan vor mehr als 100 Jahren erschuf. Es hätte eine sehr langweilige Kata sein können, wenn sie nicht diese bestimmte Technik, den Jodan Kentsui Uchi, enthalten würde. Mit anderen Worten ist diese Handlung eine kleine Würze für die Kata. Tatsächlich werden Sie, wenn Sie die Heiangata genauer betrachten, feststellen, dass einige der Schlüsselelemente nur zu einer Richtung ausgeführt werden (z.B. Chudan Nukite in Nidan und Sandan). Sie werden dies nicht nur in der Heian, sondern in allen Kata vorfinden. Sie könnten noch mal alle Kata unter diesem Aspekt betrachten und bemerken, dass keine von ihnen vollkommen symmetrisch ist. Nun könnten Sie vermutlich denken „OK, ich verstehe jetzt die japanische Vorstellung vom Schönen, aber dies ist eine Karate-Kata. Sollte die Kata nicht so gestaltet werden, dass man sie auf beiden Seiten üben könnte?“ Das stimmt, oder? Ihre Verwunderung ist nachvollziehbar, aber die okinawanischen Meister hatten die Antwort darauf: Meister Itosu und die Anderen hatten die Kata mit Absicht asymmetrisch gestaltet, um uns daran zu erinnern, dass die Schüler auch die Gyaku-Kata (spiegelverkehrt) üben sollten.Mirra image kata

Leider wurde das Üben der Gyuaku-Kata nicht von allen Shotokan-Dojos praktiziert. In meinem Dojo wird von allen Braungurten erwartet, dass sie die Gyuaku-Heiangata üben und eine dieser Kata kommt in ihrer Kyu-Prüfung vor. Außerdem verlange ich von den Schwarzgurten in meinem Dojo, dass sie die Gyaku-Versionen aller 16 Shotokan-Kata üben. Tekki dürfe nicht allzu schwer sein, aber versuchen Sie mal die Bassai-Dai und die Kanku-Dai spiegelverkehrt auszuführen. Wenn das Üben der Gyaku-Kata kein Teil Ihres.

Trainingsprogramms ist, würden nicht wenigstens die Gyaku-Heiangata üben, um das Meiste aus diesen Kata herauszuholen?

 

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