Was ist Ki? 気って何? (Teil 1)

Dies ist eine sehr tiefgründige und komplexe Angelegenheit. Darüber gibt es eine große Anzahl an Büchern auf japanisch, doch leider sind die Artikel und Bücher zu diesem Thema auf englisch oder in einer anderen Sprache (außer chinesisch) sehr selten. Ich hatte schon seit langer Zeit daran gedacht einen Artikel darüber zu schreiben, doch ich habe immer gezögert, weil es so aufwändig ist. Ich plane in der Zukunft einen noch längeren und umfassenderen Artikel darüber zu schreiben, doch für diesen Blog werde ich hauptsächlich den Teil behandeln, der in Verbindung mit Karate steht und dessen Zusammenhang mit der Atmung.

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OK, lassen Sie uns anfangen. Für viele Leser dürfte Ki ein rätselhaftes und vielleicht sogar fragwürdiges Konzept aus Asien darstellen, aber das ist es wirklich nicht, und ich möchte heute etwas Licht auf dieses Thema werfen.
In seinem Wesen ist Ki „die Quelle für Energie, die alles Leben nährt“. Mit anderen Worten ist es etwas, das uns ermöglicht zu leben. Solange Sie am Leben sind, besitzen Sie Ki. Man glaubt, dass Ki zur Natur zurückkehrt, wenn man stirbt. Alle lebendigen Wesen, wie Tiere, Insekten und Pflanzen haben ihr eigenes Ki. Tatsächlich glauben wir Japaner sogar daran, dass leblose Gegenstände in der Natur wie Steine, Berge, Seen, Flüsse, Regen, Blitze, Wolken, Sterne usw. ihr eigenes Ki besitzen. Deswegen haben wir Feng Shui (
風水), ein chinesisches, geomantisches System, welches die Gesetze des Himmels (chinesische Astronomie) und der Erde nutzen, um das Leben eines Individuums zu verbessern, indem er positives Qi (auch Chi, chin. für Ki) empfängt. Der Begriff Feng Shui kann wörtlich mit „Wind-Wasser“ übersetzt werden. Wenn Sie an dieser Kunst interessiert sind, können Sie sich auf Wikipedia, wo die Geschichte und die Theorien erklärt werden, darüber informieren. Die grundlegende Idee besteht darin, dass natürliche Faktoren, wie Himmelsrichtungen und Dinge, wie Berge, Flüsse usw. verschiedene Energien besitzen. Unterschiedliche Kombinationen daraus haben positive und negative Einflüsse auf die Menschen. Die Asiaten, insbesondere Chinesen, nehmen dies sehr ernst, und Feng Shui wird zu einem der hauptsächlichen Faktoren bei der Auswahl eines Hauses. Das ist sogar bei Chinesen, die in den Vereinigten Staaten und vermutlich auch in Europa leben, sehr beliebt.

Wie dem auch sei, wir glauben daran, dass alles seine eigene Energie besitzt und deren unikale Vibration (波動) nennt man Ki (). Das ist ein tiefgreifendes Konzept,da die moderne Physik (spezielle und allgemeine Relativitätstheorie) gerade mal vor einem Jahrhundert zu der Einsicht kam, dass alles im Universum aus Energie besteht, und der Grundaufbau von allen Dingen auf Vibrationen (Wellen) basiert, die aus Energie bestehen. Selbst wenn Sie sich mit Quantenphysik nicht auskennen, kennen Sie Einsteins berühmten Grundsatz E=MC², den er 1905 veröffentlichte. Die Masse-Energie Äquivalenz besagt, dass die Masse eines Körpers ein Maß für dessen Energiegehalt ist. In diesem Konzept ist Masse eine Eigenschaft von Energie, Energie eine Eigenschaft von Masse und beide Eigenschaften sind durch eine Konstante verbunden. Damit kann das 3000 Jahre alte chinesische Konzept nicht als vollkommen grundlos und unglaubwürdig abgetan werden.

 Einstein

Obwohl die Idee des Ki sich auf alle Dinge im Universum erstreckt, lassen Sie uns in diesem Artikel nur das für uns Menschen relevante Ki betrachten.

Wenn wir unseren Körper betrachten, stellen wir verschiedene Schwingungen und Muster fest. Die für uns bekanntesten Schwingungen sind die Hirnströme. Eine weitere ist der Blutdruck, der seine Muster im Laufe des Tages mehrmals ändert. Es gibt noch weitere, weniger sicht- und bemerkbare physische Zustände, wie die Körpertemperatur und den Hormonhaushalt, die ebenfalls schwanken. Die circadiane Rhythmik ist etwas, was sich besonders bemerkbar macht, wenn man über große Entfernungen reist und mehrere Zeitzonen überquert. Wikipedia nach werden als circadiane Rhythmik jegliche biologische Vorgänge bezeichnet, die endogene, gesteuerte Schwankungen innerhalb von 24 Stunden darstellen. Diese Rhythmik wir durch eine circadiane Uhr gesteuert, und Rhythmen wurden weitgehend bei Pflanzen, Tieren und Cyanobakterien beobachtet. Der Hormonpegel wird innerhalb von Stunden geändert und ist an die circadiane Rhythmik gebunden, sodass man oft auf die Hilfe von Melatonin-Tabletten angewiesen sein dürfte, um bei Übersee-Reisen vernünftig schlafen zu können. Viele dieser Zyklen sind von Ebbe und Flut abhängig, sowie von der Tatsache, dass wir den Tag- und Nachtwechsel haben.

Ki ist die Energiequelle in unserem Körper, die dessen Wellen und zyklische Funktionen beeinflussen kann. Jeder besitzt diese Energie, aber wie können wir sie steigern? Tatsächlich gibt es zwei Wege sie zu steigern: Einer davon ist das, was wir täglich tun, nämlich essen und trinken. Dies ist eine äußere Quelle. Deswegen sind Ihre Essgewohnheiten sehr wichtig für die Erhaltung der Gesundheit. Die andere Quelle ist innerlich. Sie wurde vor einigen Jahrtausenden in China erkannt. In der westlichen Welt wurde Ki nicht entdeckt. Stattdessen wurde das Gebiet des Verstandes in der modernen Psychologie, insbesondere von Freud und Jung, erforscht. Dieses Forschungsfeld erschien erst etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Wenn Sie unter einer dauerhaften Depression leiden, wird Ihr Arzt Ihnen sagen, dass Sie bestimmte chemische Störungen im Kopf haben und Ihnen empfehlen bestimmte Medikamente (äußere Quelle) zu nehmen, um Ihre Laune zu steigern. Demgegenüber würde ein Ki-Meister, oder Ki-Arzt Ihnen sagen, dass Ihr Ki schwach ist und einen oder mehrere bestimmte Bereiche anzeigen, wo der Ki-Fluss verlangsamt oder gestört ist. Er könnte Ihnen eine Akupunktur- oder Moxa-Behandlung, einhergehend mit Atemübungen, empfehlen. Diese Behandlungen können das lokal gebundene Ki stimulieren, was sich positiv auf den gesamten Ki-Fluss im Körper auswirkt. Der Ki-Arzt könnte Ihnen auch einige Medikamente geben, die aber nicht im chemischen Labor hergestellt wurden, sondern auf Kräutern und anderen natürlichen Inhaltsstoffen basieren. Diese werden als Suppe oder Tee eingenommen.

Ki-flowDer Unterschied in der Behandlung und Diagnose der beiden Schulen bleibt nicht nur beim Geist, er betrifft auch die Physik des Körpers. Wenn Sie Rückenschmerzen haben, oder unter irgendeiner Form von Allergie leiden, können Sie auf Akupunktur, Moxa oder eine Behandlung mit Kräutern zurück greifen. Die Akupunktur () ist selbst in der westlichen Welt berühmt. Das Moxa-Brenneisen, oder einfach nur Moxa () ist wahrscheinlich weniger bekannt, aber eine sehr beliebte medizinische Behandlungsmethode für viele Krankheiten in Asien. Ich kann mich noch daran erinnern, wie meine Großmutter sich viele Moxa-Kegel auf die Schultern und den Rücken legte, um ihre Kopf-, Rücken- oder Gelenkschmerzen zu kurieren. Für den Fall, dass Sie Moxa nicht kennen: Es sind kleine Kegel, die ein bisschen wie Räucherstäbchen aussehen, und die man anzündet. Sie brennen sehr langsam und verbrennen tatsächlich Ihre Haut, aber dieser Reiz verleiht dem Punkt einen Schock und gibt dieser Region somit die benötigte Ki-Energie ab. Ich habe es probiert und es brennt wirklich. Ich habe auch Akupunktur ausprobiert und mir gefällt sie besser als Moxa. Wie dem auch sei, es gibt eine noch radikalere Behandlungen, in der Ki verwendet wird. Eine davon ist „Ki-Anästhesie“, die andere eine „Ki-Operation“. Vielleicht haben Sie ja Videos davon gesehen. Sie haben alle einen Bezug zu Ki und ihren Fluss. Ich werde nicht weiter auf diese Behandlungen eingehen, da ich keine Erfahrung damit habe und mein Schwerpunkt in diesem Artikel nicht auf den medizinischen Anwendungen von Ki liegen sollte. Es gibt außergewöhnliche Berichte über diese Behandlungsmethoden, also können Sie diese recherchieren, wenn Sie Interesse daran haben.

Ich rechne die moderne westliche Medizin und die medizinischen Errungenschaften hoch an, ich versuche hier also nicht diese Behandlungen anzuzweifeln, oder sie schlecht zu reden. Um ein auf einen Krebstumor hinweisendes Symptom zu entdecken, sollte man sich röntgen lassen. Dennoch, wenn es um die Vorbeugung, einfachere Krankheiten und insbesondere den Beginn einer Krankheit geht, so glaube ich, dass eine natürliche Behandlung und Ki-Training die bessere Wahl sein könnten und auch mehr Sinn machen würden. Ich möchte aber nochmal betonen, dass ich kein Arzt bin, also nicht dazu qualifiziert bin einen medizinischen Rat zu erteilen.

Zen meditation 1

Wir glauben, dass unser Körpersystem von Zyklen und Wellen gesteuert wird. Wenn diese verstimmt, oder aus dem Gleichgewicht gebracht werden, so entsteht ein Zustand, den man als Krankheit bezeichnet (sowohl körperlich, als auch geistig). Deshalb haben unsere Vorfahren verschiedene Wege entwickelt, mit den man das Ki stärkt und die Muster aufrecht und im Gleichgewicht erhält. Diese Methoden beinhalten u.a. Qi Gong (oder Kiko 気功), Yoga, Zen-Meditation (座禅), Taijiquan (太極拳), sowie einige Stile des Kung Fu und andere Kampfkünste, wie Aikido (合気道).

Ich hatte drei Jahre (1997-1999) in Tokio Kiko in der Nishino-Stilrichtung praktiziert. Meine Erfahrungen, die ich im Nishino-Dojo machte, hatte ich bereits in meinem letzten Buch „Shotokan Mysteries“ erwähnt, deshalb werde ich an dieser Stelle nicht nochmal darauf eingehen. Ich kann nur sagen, dass das Training überwiegend dazu diente, die Muskeln mit Hilfe von Atemübungen zu entspannen.
Lassen Sie mich bitte hervorheben, dass Tai Chi ein exzellentes System für die Stärkung von Ki sein kann, aber nur wenn sie mit den korrekten Atemmethoden unterrichtet wird. Es ist eine „innere Kampfkunst“, die einerseits wegen ihren Selbstverteidigungsaspekten, und andererseits wegen den gesundheitlichen Vorteilen praktiziert wird, doch die langsamen Bewegungen alleine garantieren nicht die Stärkung vom Ki. Tai Chi muss mit einer korrekten Atem-Methodik ausgeführt werden, die mit den Körperbewegungen im Einklang sind. Tatsächlich ist Tai Chi für die Kultivierung von Ki besser geeignet als Karate. Ich erkläre später, warum ich das denke.

Nishino Ki

Qi Gong, Yoga, Zen-Meditation und Tai Chi Chuan sind im Wesentlichen langsam ausgeführte Übungen mit einer engen Verbindung zur Tiefenatmung. Sie mögen darüber überrascht sein, dass ich Zen-Meditation als Übung zur Kultivierung von Ki aufführe. Ich kann das nachvollziehen, da die Zen-Meditation keinerlei Bewegungen beinhaltet, zumindest erscheint es so, da weder die Arme, noch die Beine sich bewegen. Doch wenn diese Form der Meditation mit einer Tiefenatmung ausgeführt wird, werden die Lunge, das Zwerchfell, die Bauch-, sowie die innere Muskulatur aktiv genutzt. Wenn Sie tief atmen, stärken sie das Zwerchfell und die übrige innere Muskulatur im unteren Bauchbereich, welchen man Tanden (丹田) nennt, was übersetzt „Energiequelle“, oder „Ki-Speicher“ bedeutet.

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