Was sind Chinkuchi, Gamaku und Muchimi? Teil 1

Haben Sie schon mal von Chinkuchi, Gamaku und Muchimi gehört? Wenn Sie einen Stil des okinawanischen Karate (z.B. Goju-Ryu) ausüben, dann dürften Sie diese Begriffe kennen. Im okinawanischen Karate sind sie sehr verbreitet und es wird als notwendig empfunden diese Konzepte zu beherrschen, wenn man sein Karate perfektionieren möchte.

Okinawa masters

Soweit ich weiß, werden diese Begriffe nicht im Shotokan-Training verwendet. Folglich haben die meisten Übenden nichts davon gehört. Dabei glaube ich, dass auch das Shotokan Karate einige ähnliche Konzepte besitzt. Ich möchte nicht sagen, dass den Shotokan-Übenden damit etwas fehlt, dennoch hoffe ich, dass Sie mir zustimmen, wenn ich behaupte, dass es vom Vorteil sein könnte diese Konzepte und Methoden zu erforschen. Vielleicht können wir ja auch etwas daraus lernen.

 

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich von keinem meiner ehemaligen Lehrer diese Begriffe beigebracht bekommen habe. Ich habe, vermutlich wie auch Sie, weder im regelmäßigen Training im Dojo, noch auf besonderen Lehrgängen davon gehört. Diese Begriffe lernte ich hauptsächlich aus Karate-Büchern, die ich während meiner Forschungen gelesen habe. Dann verglich ich das Gelesene mit den Techniken, die ich bereits aus dem Shotokan kannte. Was ich dabei feststellte, war nicht nur interessant, sondern auch sehr aufschlussreich. Aus diesem Grund hoffe ich, dass auch Sie, nach dem Lesen dieses Artikels, die Information als bereichernd für Ihr Training betrachten werden.

 

Bevor ich aber in das Thema einsteige, muss ich hervorheben, dass es verschiedene Variationen dieser Techniken gibt, deren Verständnis vom Stil des okinawanischen Karate abhängt. Ich behaupte nicht, dass ich diese Techniken gemeistert habe, oder alles, was man darüber wissen kann, hier behandle. Wenn ich mich in irgendeiner weise irre, oder falsch ausdrücke, bitte ich den Leser darum mich zu korrigieren.
Lassen Sie uns nun mit einem Konzept beginnen, welches, wie ich finde, am einfachsten zu erklären und zu verstehen ist: Dem Muchimi.

 

Teil 1: Was ist Muchimi?
Es gibt zwei verschiedene Arten von Muchimi und sie werden mit zwei verschiedenen Kanji-Zeichen beschrieben, obwohl die Aussprache sehr ähnlich ich. Das Erste ist Mochimi 餅身 (Reiskuchen-Körper). Es bedeutet, dass ein Übender so trainiert, dass sein Körper ähnlich dem Mochi (oder Omochi), einer beliebten japanischen Speise, wird.mochi1

Der Reis wird zu einem Teig gestampft und zu der gewünschten Form geknetet. In Japan macht man das bei einer Zeremonie, die Mochitsuki heißt. Obwohl man den Reiskuchen das ganze Jahr über essen kann, ist Omochi ein traditionelles Neujahrsgericht in Japan. Wenn Sie schon Mal ein Omochi gegessen haben, dann kennen Sie dessen Konsistenz. Es besitzt eine hohe Elastizität, fast so wie bei einem Kaugummi.

 

Nun können Sie sich denken, wie der Körper nach dem Training sein müsste. Indem man das Zeichen für Mochi verwendet, weist man auf die Flexibilität des Körpereinsatzes hin. Diese Technik wird entwickelt, indem man sowohl die Streck-, als auch Beugemuskeln verwendet. In diesem Artikel werde ich aber nicht die genauen Einzelheiten des Mechanismus technisch beschreiben. Kurz: Die Essenz des Körpereinsatzes besteht hierbei in dem maximalen Einsatz der Beugemuskeln, was zu der vollen Ausdehnung der Streckmuskeln führt.

Shoulder diagram in German

Sehr vereinfacht heißt das, dass Sie Ihre Muskeln maximal anspannen und dann entspannen, um die höchste Streckung zu erreichen. Die Sprungfeder ist eine gute Analogie dazu: Fest zusammengedrückt, wird die Feder sich explosiv ausdehnen, wenn sie plötzlich losgelassen wird. Um das Ganze noch effektiver zu machen, werden die Beuger für die Entspannung trainiert, sodass sie die maximale Dehnbarkeit erreichen können. Indem Sie das meistern, können Sie eine explosive Kraft in Ihren Schlägen generieren, ohne den Ellbogen dabei voll ausstrecken zu müssen. Am effektivsten ist das in Nahkampfsituationen, deshalb übt man diese Technik vor allem in Naha-Te Stilen (wie Goju-Ryu, Uechi-Ryu, usw.), weil diese sich auf den Nahkampf spezialisieren.

Eine Sache muss dazu gesagt werden: Obwohl diese Technik sehr kraftvoll ist, wird man damit keinen peitschenden Schlag erzeugen können. Viel mehr ist es wie bei einem Stoß mit dem Bo (Kampfstock). Die Geschwindigkeit des Stoßes ist langsamer, als die einer peitschenden Technik, wie sie von den Shuri-Te Übenden (hauptsächlich im Shorin-Ryu) praktiziert werden. Ein mit Mochimi ausgeführter Schlag wird also viel mehr einem Stoß ähneln, als einem gepeitschten Schlag. Letzterer ist bei harten Trefferflächen, wie z.B. dem Brustkorb, oder dem Bauch am effektivsten. Trifft man mit dem peitschenden Schlag am Kopf, wird der Kopf wahrscheinlich abprallen und damit die Trefferwirkung vermindern.

Wenn Sie sich eine Vorführung der Naha-Te Kata Sanchin anschauen (siehe Link am Ende des Absatzes), werden Sie nur Schläge auf der Chudan Ebene sehen. Das zeigt, dass die Mochimi-Technik im Naha-Te dort am wirkungsvollsten ist. Natürlich müssen auch andere Techniken gleichzeitig eingesetzt werden, um den Schlag zu verstärken. Einige Beispiele dieser Techniken sind Tsukami (greifen), Hikiyose (heranziehen) und Chinkuchi.

Klicken Sie auf den folgenden Link, um eine Vorführung der Sanchin vom weltberühmten Meister des okinawanischen Goju-Ryu, Morio Higaonna (10. Dan), zu sehen:

Und hier ist ein weiteres, interessantes Video, das das Muchimi-Training im Goju-Ryu veranschaulicht:

 

Die zweite Art des Muchimi wird mit den beiden Zeichen 鞭身 (Peitsche-Körper) geschrieben. Sie wurde von den Meistern des Shuri-Te, hauptsächlich des Shorin-Ryu, entwickelt. Einige Shuri-Te Anhänger nennen diese Technik ebenfalls Mochimi, jedoch ist bei dieser Technik der Kern ganz anders. Die gleiche Aussprache wurde im Shuri-Te benutzt, weil der Begriff Mochimi bei den Übenden des Naha-Te sehr populär geworden ist. Wenn man jedoch die Mechanismen der beiden Techniken studiert, wird man feststellen, dass es zwei völlig verschiedene Sachen sind. Der einzige gemeinsame Nenner ist der aktive Wechsel zwischen Spannung und Entspannung der Muskeln. Meiner Meinung nach sind die beiden aber so unterschiedlich, dass sie verschiedene Namen haben sollten.

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Vereinfacht erklärt ist Muchimi eine peitschenartige Technik. Um sie korrekt auszuführen, müssen Sie Ihre Arme, bzw. Beine entspannen und diese dann aus dem Körpermittelpunkt (Becken, oder Lendenwirbelsäule) schwingen. Dabei wird sich Ihr Arm/Bein weniger wie ein Stock, sondern eher wie eine Peitsche verhalten.

Naha-Te ist bekannt für den Fokus auf den Nahkampf, deshalb sind dort viele kurze Stände, wie Neko Ashi Dachi und Sanchin Dachi, sowie Techniken für die kurze Distanz, wie Ellbogenschläge, Knietritte, Kizami Mae Geri und sogar Kopfstöße enthalten. Es ist möglich eine peitschenartige Technik auf kurzer Distanz auszuführen, ohne dabei den ganzen Körper zu sehr zu bewegen, doch sie nutzen den Körper mehr wie einen Stock, als eine Peitsche. Andererseits bevorzugen die Vertreter des Shuri-Te, wie Sie bereits wissen, Stände und Techniken für die Langdistanz. Aus diesem Grund ist eine peitschenartige Ausführung für sie vom Vorteil. Allerdings ist der menschliche Arm relativ kurz und hat nur wenige Gelenke, was dessen effektive Verwendung als peitschende Waffe erschwert.

Schauen sie sich meine Kyusetsubin (eine neungliedrige Kettenpeitsche) an:

9 chain whip

Sie besitzt acht Gelenke und ein eher schweres Element am Ende, das sie zu einer tödlichen Waffe macht. Ich verwende aber lieber eine siebengliedrige Kette, weil die mit neun Gliedern zu lang für mich ist. Verglichen mit diesen Ketten hat unser Arm nur drei Gelenke: Schulter, Ellbogen und Handgelenk. Dazu kommt, dass die Faust kein so effektives Gewicht darstellt, wie das der Kettenpeitsche. Was sollte man also tun, um es trotzdem effektiv zu machen? Muchimi wird mit einer Zugbewegung und einer kontrollierten Anspannung der Muskeln benutzt. Man nennt dieses Vorgehen Chinkuchi, welches ich im dritten Teil des Artikels detaillierter erklären werde.

Lassen Sie uns hier ein einfaches Beispiel nehmen, um dieses Konzept zu verdeutlichen: Wenn Sie ein Handtuch als Peitsche nutzen wollten, wäre es sehr schwer das zu tun, wenn das Handtuch absolut trocken ist, ganz egal wie schnell Sie es schwingen. Doch was passiert, wenn Sie es komplett, oder zumindest das treffende Ende nass machen? Ja, dann wird es Ihnen viel leichter fallen es als Peitsche zu verwenden. Der trockene Teil des Handtuchs ist wie ein angespannter Muskel Ihres Armes und der Trick liegt in dem fließenden und damit sehr elastischen Charakter des Wassers. Das Wasser verleiht dem Handtuch mehr Gewicht, doch der wichtigste Effekt kommt von der Spannung, die es an das restliche Handtuch weitergibt. Was ich damit sagen möchte ist, dass Sie Ihre Muskeln minimal anspannen sollten, wenn Sie Muchimi anwenden. Eine übermäßige Spannung verlangsamt die peitschende Bewegung und erzeugt somit entweder eine ineffektive, oder überhaupt keine Peitsche.

Die bekanntesten peitschenartigen Techniken im Shotokan sind wohl der Uraken Uchi – ein Schlag, und der Mawashi Geri – ein Tritt. Wie dem auch sei, wenn Sie den Mechanismus hinter Muchimi verstehen und das Konzept beherrschen, können Sie Ihre Techniken generell viel schneller ausführen, auch wenn es ein Tsuki, ein Mae Geri, ein Yoko Geri, oder andere Techniken sind.

Die ultimative Technik ist der Ein-, bzw. Null-Zoll-Schlag. Dieser nutzt eine fundamentale physiologische Methode der Krafterzeugung mit minimaler Körperbewegung. Man nennt es auch Hakkei (発勁), was wörtlich „Krafterzeugung“ bedeutet und ich glaube, dass das Meistern von Muchimi bei der Entwicklung von Hakkei helfen kann.

 

Hier sind einige Videos zu dem Thema, die für Sie interessant sein könnten.

Tekki Shodan (Naihanchi Shodan) von Michiko Onaga:

Tekki Shodan des Shorin-Ryu Meisters Shinzato Katsuhiko:

 

Tekki Shodan von Tetsuhiko Asai:

 

Meister Asai demonstriert ein Training für den Körper:

 

Im zweiten Teil erkläre ich Ihnen was Gamaku bedeutet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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